Preisträger 2012

Jürgen Dehmers (Andreas Huckele)

Jürgen Dehmers
"Wie laut soll ich denn noch schreien?
Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch"



Rowohlt Verlag
Reinbeck bei Hamburg
320 Seiten, € 19,95, ISBN 978-3-498-01332-5

 

Geschwister-Scholl-Preis 2012

Die Verleihung

Der 33. Geschwister-Scholl-Preis wurde am 26. November 2012 in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität in München an Andreas Huckele verliehen, der sein Buch unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers veröffentlicht hat. Oberbürgermeister Christian Ude und Dr. Jörg Platiel, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V., überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde. Die Laudatio hielt Dr. Tanjev Schultz (Süddeutsche Zeitung).

Das Thema „sexualisierte Gewalt“ stand im Mittelpunkt der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises: „In welcher Welt wollen wir leben?“, fragte Andreas Huckele das Publikum, und weiter: „Wollen wir es weiter hinnehmen, dass die Rechtslage und die Strukturen in unseren pädagogischen Einrichtungen die Täter schützen und nicht die Kinder? Oder wollen wir etwas anderes? Und was sind wir bereit dafür zu tun?“ Auch Tanjev Schultz von der Süddeutschen Zeitung, der die Laudatio auf den Preisträger hielt, appellierte sowohl an die Zivilgesellschaft, als auch an den Rechtsstaat: „Politiker drücken sich gerne um eine Antwort herum, wie die Justiz, das Bildungs- und das Gesundheitssystem mit Pädokriminellen umgehen sollen. Es gibt diese Menschen, es bringt nichts, die Augen davor zu verschließen.“ Davor, dass die Neonazi-Szene das Thema der sexualisierten Gewalt gegen Kinder instrumentalisiere, warnte er eindringlich: „Die Stärke des Rechtsstaats zeigt sich darin, wie gut er Kinder schützen kann, ohne dabei seine Prinzipien zu verraten.“


Foto: Kerstin Dahnert ( v.l.n.r.): Dr. Jörg Platiel, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V., Andreas Huckele alias Jürgen Dehmers, Oberbürgermeister Christian Ude

 

Geschwister-Scholl-Preis 2012

Begründung der Jury

Jürgen Dehmers schildert in seinem 2011 erschienenen Bericht „Wie laut soll ich denn noch schreien. Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch“ (Rowohlt-Verlag) präzise, was ihm und anderen Schüler angetan wurde, er beschreibt auch die Folgen einer Traumatisierung durch sexuellen Missbrauch – Gefühle der Ohnmacht, Angst, Wut, Ekel, Störungen der Persönlichkeitsentwicklung, bis hin zu Suchtkrankheiten und Suizidgefahr.

Opfer sexueller Gewalt äußern sich selten öffentlich. Was ihnen widerfahren ist, beschämt sie zu sehr. Dies machen sich Täter zu nutze. Dass Jürgen Dehmers es gewagt hat, das Schweigen zu durchbrechen und zu benennen, was geschah, würdigt die Jury des Geschwister-Scholl-Preises als ein seltenes Beispiel von Mut. Dehmers Buch beschreibt die Vorgänge an der Odenwaldschule als ein kriminelles weit verzweigtes System mit Tätern und Mitwissern, von Macht und Gewalt. Er deckt die Mechanismen auf von Vertuschung, Verschweigen, Abhängigkeit, Bedrohung, die einen fortgesetzten Missbrauch erst möglich machen. Auch darin liegt eine große Leistung dieses Buches: dass es hinweist auf das Versagen von Zivilgesellschaft und Rechtsstaat, von Bürgern, Pädagogen, bis hin zu Presse und Justiz, die darin scheitern, die Unversehrtheit von Kindern und Jugendlichen sicherzustellen, wie es die UN-Charta für die Rechte der Kinder verlangt.

Jürgen Dehmers ist ein Pseudonym. Der Autor besuchte in den achtziger Jahren die hessische Odenwaldschule und wurde dort über Jahre von seinem Schulleiter missbraucht. Als Erwachsener versuchte er zusammen mit mehreren Schülern, die auch Opfer von sexueller Gewalt an der Odenwaldschule wurden, immer wieder vergeblich, die Öffentlichkeit auf das Geschehen aufmerksam zu machen, das sich über einen Zeitraum von 20 Jahren hinzog und über hundert Kinder und Jugendliche betraf. Erst im Jahre 2010 begann eine breite öffentliche Diskussion. Schnell stellte sich heraus, dass nicht nur an der Odenwaldschule, sondern auch an anderen Schulen oder Institutionen in Deutschland viele Kinder von Lehrern, von Priestern, von Sportpädagogen belästigt, gequält und vergewaltigt worden waren. Die Täter wurden gedeckt, von Kollegen und anderen Mitwissern, auch offenbar von Leuten, die bislang einer deutschen Elite zugerechnet wurden.

Dehmers Buch ist ein notwendiger Appell, an Einzelne sowie an die Institutionen unserer Gesellschaft, solchen Missbrauch zu unterbinden sowie geeignete Maßnahmen zu ergreifen, die es erlauben, den Opfern zu helfen, die Täter zu stellen und zu bestrafen. Es fordert dazu auf, Zivilcourage zu zeigen sowie Verantwortung zu übernehmen und ist damit geeignet, dem Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben.

 

Geschwister-Scholl-Preis 2012

Der Preisträger

Andreas HuckeleJürgen Dehmers ist das Alter Ego von Andreas Huckele, der als Schüler in den 80er Jahren die Odenwaldschule besuchte, dort eines der Opfer des Schulleiters Gerold Becker wurde und seit über einem Jahrzehnt Täter, Mitwisser, Schweiger und Vertuscher mit ihren Verbrechen konfrontiert. Jürgen Dehmers nutzt die Medien zur Anklage der Verantwortlichen, da durch das deutsche Rechtssystem wegen unzureichender Verjährungsfristen keine juristische Gerechtigkeit mehr geschaffen werden kann. Im Jahr 2010 gelang ihm die weitreichende Vernetzung der Betroffenen, und er wurde endlich von einer breiten Öffentlichkeit gehört.

 

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