Geschwister-Scholl-Preis 2012 - Jürgen Dehmers (Andreas Huckele)

Ansprache von Dr. Jörg Platiel

Sehr geehrter Damen und Herren,
lieber Preisträger,

Ich falle hier gleich mit der Tür ins Haus: der Mann, den wir heute mit dem Geschwister-Scholl-Preis auszeichnen, hat einen Skandal erzeugt. Er hat sich nicht rücksichtsvoll verhalten, wie es von ihm erwartet wurde, er hat Übereinkünfte durchbrochen, sich von Scham und Schande nicht beherrschen lassen und er hat prominente Bürger unseres Landes an den Pranger gestellt. Für einen solchen Typus gibt es hier zu Lande einschlägige Bezeichnungen: Störenfried, Außenseiter und Anstifter zum Beispiel, auch Provokateur oder bestenfalls, literarisch durch Heinrich von Kleist legitimiert: ein Michael Kohlhaas.

Wir zeichnen ihn genau für das aus, was hinter seiner beharrlichen Widerständigkeit, seiner Unverzagtheit und seiner Leidenschaft für ungeschönte Darstellung steht:
Wir zeichnen ihn aus für sein nicht ablenkbares Rechtsempfinden und für seine Zivilcourage. Wir ehren ihn für seine Verletzung der Spielregeln, nämlich dafür, dass er es gewagt hat fadenscheinige Übereinkünfte zu brechen; ohne Rücksicht zu nehmen auf Autoritäten, anerkannte Institutionen und auf eingeschliffene gesellschaftliche Konventionen.

Jürgen Dehmers hat sich dazu entschlossen ein Stück Sicherheit aufzugeben: Zur Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises tritt er zum ersten Mal mit seinem bürgerlichen Namen an die Öffentlichkeit. Das ist für Andreas Huckele ein couragierter Schritt, weil das Pseudonym für ihn eine Art Überlebensstrategie war. Ein Name, der ihm vielleicht einen kleinen Schutz gewährt hat. Der ihm aber auf jeden Fall eine Hilfe war in bedrohlichen Zeiten. „Wenn man sich mit Kriminellen anlegt, ist es besser zu zweit zu sein“, so schreibt er dazu lakonisch in seinem Bericht.

Andreas Huckele hat eines der größten Tabus gebrochen, das sich vor einem Opfer auftun kann: er berichtet von dem über Jahre andauernden sexuellen Mißbrauch, dem er als Schüler der Odenwaldschule ausgeliefert war. Er berichtet von seinem Kampf um die Wahrnehmung und öffentliche Anerkennung des Geschehenen sowie von der Rettung seiner beschädigten Seele.

Er wurde, bis er sich mit sechzehn Jahren endlich wehren konnte, drei Jahre lang von einem Kinderschänder missbraucht. Wie in fast allen vergleichbaren Fällen, machte sich der Täter auch hier bestimmte eingespielte Verhaltensmuster zu Nutze: die sexuelle Konfrontation eines erfahrenen Erwachsenen mit einem unmündigen Jugendlichen beruht auf dem einseitigen Machtverhältnis zu Gunsten des Täters. Aus den Scham- und Schuldgefühlen der Opfer entsteht eine Ohnmacht, die es den Betroffenen beinahe unmöglich macht, die Gewalt, die ihnen angetan wurde, zur Sprache zu bringen und die Vorgänge zu beschreiben. Darüber hinaus haben Opfer Angst vor Repressalien und Sanktionen. Zudem leben die Täter nur zu oft in der Sicherheit, dass man im Zweifelsfall ihnen mehr glaubt als den jugendlichen Opfern. Diese fatalen Mechanismen musste auch Andreas Huckele in ihrer ganzen Brutalität und erniedrigenden Wirkung erdulden, bevor er den Mut und die Kraft fand, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Als im Juli 2010 an der Odenwaldschule – nach über einem Jahrzehnt des Wegsehens, des Nicht-wahr-haben-Wollens und des Todschweigens – ein öffentliches Hearing über die begangenen Untaten nach dem Muster der südafrikanischen „Wahrheitskommission“ stattfindet, wird den Opfern zum ersten Mal wirklich zugehört. Das Verdienst daran hat in aller ersten Linie Andreas Huckele.

Sein Buch will nichts anderes sein als eine unmissverständliche und unüberhörbare Aufforderung zum Zuhören. „Hört auf, euch etwas vorzustellen, hört uns endlich zu“ und „ wie laut soll ich denn noch schreien?“, ruft uns der Autor unmissverständlich zu.

Von allen Betroffenen, die im letzten Jahrzehnt aus Internaten, Kollegien, Pfarrhäusern und Sportheimen als Brutstätten von Kindesmissbrauch und der Vergewaltigung Jugendlicher berichteten, hat er den größten Anteil an der Aufdeckung dieser üblicherweise im Dunkeln liegenden Straftaten. Er ist einer der wenigen, die aufs Ganze gegangen sind.

Andreas Huckele erzählt auf eindringliche, in manchen Passagen geradezu schmerzhafte Weise von seinem schwierigen Weg aus der existentiellen Krise, in die ihn die Untaten gestürzt haben. Dieses Buch führt mitten hinein in das Herz der Betroffenheit selbst.

1999 brachte er seine Geschichte in die „Frankfurter Rundschau“, doch erst 2010 kann er das eiserne Schweigen von Vorstand, Leitung und Trägerverein der Odenwaldschule durchbrechen. Erst zu diesem Zeitpunkt findet seine Darstellung endlich ein überwältigendes Medienecho.

Auch in der Kasuistik der Verwilderung an dieser Schule, die auch gemeinsamen Alkohol- und Drogenmissbrauch unter Lehrern und Schülern mit einschließt, ist an oberster Stelle das Schweigen zu nennen. Es hält das Ich in Gefangenschaft. Eine Mauer entsteht mitten im Selbst, zwischen jenem Teil, der das Geschehene herausschreien möchte, weil es sich, unbearbeitet, wie es ist, im Lauf der Jahre vergrößert, und jenem Teil, der vor Scham und Bestürzung, Angst und Seelenpein stumm bleiben will.

Scham und Wortlosigkeit sind übrigens der beste Schutz für die Täter. Und andererseits sind Beschönigung, Ablenkung, Gleichgültigkeit und Schweigen die Furien der Verachtung für die Opfer.

Das Buch mit der bezeichnenden Frage „Wie laut soll ich denn noch schreien?“ hat Andreas Huckele noch einmal mit all seiner Seelenpein konfrontiert. Welche Herausforderung es an jene stellt, die sich mit solchen Geschehnissen auseinandersetzen wollen, geht aus der Tatsache hervor, dass an die zwanzig Verlage die Publikation ablehnten. Bis Rowohlt im Herbst 2011 das Buch herausbrachte.

Jürgen Dehmers lässt keinen Zweifel daran, dass ihm der Weg in die Öffentlichkeit, den er wählte, geholfen hat. Doch ebenso klar ist, dass der Albtraum der vergangenen, aber nicht vergessenen Ereignisse ihn niemals ganz verlassen wird. Seine Bilanz ist vor allem in einfachen, lakonischen Aussagesätzen wie diesem zu finden: „Manchmal sind die Phantomschmerzen nahezu unerträglich.“

Andreas Huckele fordert von uns eines mit großer Klarheit: die Geduld des inständigen Zuhörens. Es fallen klare Worte: über das Versagen der überregionalen Presse nach Veröffentlichung seines Falls in der „Frankfurter Rundschau“. Fast ein Jahrzehnt lang haben sich die großen Blätter um die Vorkommnisse an der Odenwaldschule nicht oder nur unzulänglich gekümmert.

Er fordert die eindeutige Benennung der Täter und unser Engagement bei der Abschaffung der juristischen Verjährungsfristen für Verbrechen dieser Art. Er wirft einen drastischen Blick auf die Odenwaldschule, diese UNESCO-Modellschule der Reformpädagogik, die mit der Distanzlosigkeit zwischen Lehrern und Schülern auch die sexuellen Grenzen aufweichte. Er wirft einen durchdringenden Blick auf den hessischen Zauberberg, den er als das „Totenschiff“ der Pädagogik bezeichnet. Die Tatsachen, die ans Licht kamen, als sie an die Öffentlichkeit drangen, sind erschreckend: 18 Pädagogen verübten über Jahrzehnte hinweg sexualisierte Gewalt an über 100 Schülern. Die Dunkelziffer dürfte diese Zahlen noch übersteigen.

Er ist der Protokollführer des Unrechts, das ihm und anderen von Triebtätern zugefügt wurde. Zu dieser Aufdeckungsarbeit gehört eine nicht groß genug zu bewertende Leistung der Selbstentdeckung und das kompromisslose Bekenntnis zur Wahrheit. Wer dieses Zeugnis der Beharrlichkeit, des Schmerzes und der Wut liest, wird erfahren, wie lange dieser Weg zur Veröffentlichung war, den Andreas Huckele seit 1998 gegangen ist: Ein fortgesetzter Kampf, den nur wenige dank ihres außerordentlichen Mutes und letztlich durch ihr Vertrauen auf die eigene Kraft bestehen können. Man muss bereit sein, tief in die eigenen Traumata hinabzusteigen, welche die unabweisbaren Folgen des Erlittenen sind. Und man muss bereit sein, auch vor der Kältezone der gesellschaftlichen Ächtung und Vereinsamung nicht zurückzuschrecken. Dass Andreas Huckele dazu bereit war, ist ein ungewöhnliches und herausragendes Zeugnis der Selbstüberwindung und des Mutes.

Von Andreas Huckeles Mut und von der Eindeutigkeit seines Berichts geht eine unmissverständliche Aufforderung an uns alle aus: die Opfer dieser und anderer herabwürdigender Praktiken, die inmitten unserer Gesellschaft existieren, nicht allein zu lassen, bereit zu sein, hinzusehen, wenn es notwendig ist, ihre Qualen wahrzunehmen und sie als Menschen ernst zu nehmen. Denn das ist der erste und wichtigste Schritt.

Denn nur so kann die Kluft, die zwischen den Opfern und uns liegt, zumindest ein Stück weit verkleinert werden.

© Dr. Jörg Platiel 2012

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Dr. Jörg Platiel ist der Vorsitzende des Börsenvereins - Landesverband Bayern e.V. und Geschäftsführer des R. Oldenbourg Verlags in München.

 

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