Geschwister-Scholl-Preis 2012 - Jürgen Dehmers (Andreas Huckele)

Laudatio von Tanjev Schultz

Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Andreas Huckele,

was für einen Lauf haben Sie hinter sich, welche Kondition haben Sie bewiesen – und was für einen Sieg haben Sie errungen! Einen Sieg, den wir heute feiern wollen.

Andreas Huckele alias Jürgen Dehmers ist ja wirklich ein Sportler, ein Läufer und Triathlet. Und vielleicht liegt darin eine Erklärung dafür, warum Sie genügend Kraft und Ausdauer hatten, um die Wahrheit über die Odenwaldschule und die sexuelle Gewalt, die Lehrer dort jahrzehntelang ausübten, ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren – gegen alle Widerstände. Laufen ist Ihr Ding. Weglaufen nicht.

Im ersten Versuch kamen Sie noch nicht ans Ziel. Der Journalist Jörg Schindler veröffentlichte 1999 auf Ihr Betreiben hin einen Artikel in der „Frankfurter Rundschau“, der die Übergriffe an der Schule thematisierte. Der Beitrag blieb fast ohne Wirkung, das ganze Ausmaß der Verbrechen noch unerkannt.

Wo waren wir alle, die wir heute mit Ihnen feiern, damals? Was haben wir gehört? „Wie laut soll ich denn noch schreien?“, heißt Ihr Buch. Wir waren mit Taubheit geschlagen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, es gehe Ihnen auch darum, die Definitionsmacht über Ihr Leben zu behalten. Wer sexuelle Gewalt erfährt, erlebt das als einen Kontrollverlust, der sich in alle Lebensbereiche hineinfrisst. Wer zum Objekt und zum Opfer herabgewürdigt worden ist, muss alles daran setzen, sich wieder als Subjekt zu erleben.

Es gibt viele Wege, das Erlittene zu bewältigen. Wir wissen, dass schamvolles Schweigen die verständliche Reaktion vieler Betroffener ist. Dafür muss sich niemand rechtfertigen.
Andreas Huckele hat das Schweigen irgendwann nicht mehr ausgehalten.

Sie schreiben von der Hoffnung, dass das, was offen ausgesprochen wird, in der Tiefe der Seele nicht mehr weiterwuchern kann. Hoffentlich haben Sie recht. Ich wünsche es Ihnen von Herzen.
Es reicht Ihnen aber nicht, sich etwas von der Seele zu schreiben. Sie wollen gehört und verstanden werden. Wie Sie, glaube ich an die Kraft der Kommunikation, die den Menschen dazu befähigt, mehr zu sein als ein Machttier.

Sie haben mir, als wir uns kennenlernten, von Ihrer Begeisterung für das Werk des amerikanischen Philosophen und Pädagogen John Dewey erzählt. Das war ein schöner Zufall, weil ich diese Begeisterung seit Langem teile. Dewey hat einmal geschrieben, in seinem Buch „Erfahrung und Natur“: Kommunikation sei auf „einzigartige Weise sowohl Mittel wie Ziel. Sie ist Mittel, insofern sie uns von dem andernfalls überwältigenden Druck der Ereignisse befreit (...).“ Und sie ist Ziel – als Teilhabe an dem, was „für eine Gemeinschaft von Wert“ ist.

An anderer Stelle spricht Dewey vom Wunder der Kommunikation. Von der einzigen Form einer Verbindung, die wahrhaft menschlich ist – und nicht bloß ein Trick oder ein animalisches, herdenmäßiges Sammeln und Suchen nach Schutz und Wärme.

Ich glaube zutiefst an dieses Wunder.

In Ihrem Buch haben Sie vieles schonungslos offengelegt: nicht nur das unerträgliche Schweigen und die Ignoranz von Lehrern, Medien und Behörden. Auch die drastischen Sachen: Kinderpornos im Zimmer des Direktors. Eine Vaseline-Dose mit Kotspuren. Die täglichen Weckattacken mit dem Griff an den Penis. Der Suff, in den Sie sich in jungen Jahren geflüchtet haben.

Sie haben das alles in einem trockenen, manchmal ironischen oder sarkastischen Tonfall geschrieben, der nicht abrutscht in das, was man etwas arrogant Betroffenheitsliteratur nennt. Ihr Buch berührt auf besondere Weise: Es ist wie ein schneller Basslauf in einem Rocksong. Der Text wummert los und erfasst den Leser an Kopf und Körper.

Die Öffentlichkeit schwankt, wenn es um sexuelle Gewalt geht, zwischen betretenem Herumdrucksen und gierigem Voyeurismus. Im Fernsehen und im Internet sind wir Zeugen einer massenhaften Selbstentblößung. Kein Schicksal und kein privates Unglück sind mehr sicher vor einer öffentlichen Zurschaustellung. Die Tyrannei der Intimität, die uns beherrscht, steht in traurigem Kontrast zum Mangel an wahrer Aufklärung, den wir beklagen müssen.

Den Geschwister-Scholl-Preis verdienen Sie, Herr Huckele, nicht zuletzt deshalb, weil Sie sich mit Ihrem Buch, und Ihrem sonstigen Wirken auf die Seite der Aufklärung geschlagen haben.
Ihre persönlichen Erfahrungen haben Sie von Anfang an in einen größeren Kontext gestellt. Sie haben darauf verzichtet, dem Boulevard Zucker zu geben. Larmoyanz und die Eitelkeiten des öffentlichen Bekenntnisses sind Ihnen ohnehin fremd.

Ich werde nie unsere erste Begegnung vergessen, im März 2010. Wir liefen vier Stunden am Main-Ufer auf und ab, in höchster Konzentration. Sie erzählten, Sie analysierten, und ich nehme auch an, dass Sie mich prüften. Sie wussten ja, dass auch ich Sie prüfe. Misstrauen ist eine journalistische Pflicht. Diese Pflicht darf uns Medienschaffende, uns Journalisten, Lektoren und Verleger, nie vergessen lassen, dass wir es mit leibhaftigen Menschen zu tun haben, die nie nur Mittel für uns sein dürfen, sondern Zweck.

Was ich in diesen März-Tagen erfuhr, erschütterte vieles von dem, an das ich geglaubt hatte: den Glauben an die Reformpädagogik und ihre Gurus. An der Odenwaldschule konnten Propagandisten des „pädagogischen Eros“ ungestraft ihr Unwesen treiben, während sie sich zugleich als Humanisten gerierten und als große Kinderfreunde feiern ließen.

Bei einer Begrüßungsrede sagte damals der Direktor der Odenwaldschule: „Hier ist alles erlaubt.“
Jürgen Dehmers schildert das in seinem Buch so: Schüler konnten ihre Kameraden ungestraft drangsalieren. Mitschüler wurden in Spinde gesperrt, zum Essen eines Fresspakets gezwungen – „mir wurde ziemlich schnell klar“, schreibt Dehmers, „dass ich in einer archaischen Urgesellschaft gelandet war“.

Die abgeschiedene Schule im schönen Odenwald sah sich als Hort der Aufklärung. Aber das war sie nicht. Sie war in den 1970er und 80er Jahren ein nach außen weitgehend abgeschottetes, fast geschlossenes System, das dafür seine „Offenheit“ im Inneren bis ins Kriminelle steigerte: Lehrer duschten mit Schülern, jeder duzte jeden. Die Türen des Direktors standen offen, Schüler telefonierten in seinem Schlafzimmer; sie durften sich an seinem Kühlschrank bedienen – und der Direktor bediente sich an ihren Körpern.

So scheinbar einhellig der moralische Konsens ist, der sexuelle Gewalt verdammt, so mühsam bleibt auch heute noch der Kampf gegen diese Gewalt. Ein Grund dafür ist, dass uns trotz aller Offenheit das ehrliche Reden über diese Gewalt so schwer fällt.

Wer sind die Opfer? Sie sitzen unter uns. Sie sitzen vielleicht direkt neben uns. Statistisch betrachtet, sitzen sie in jeder Schulklasse, in jedem Sportverein, in jedem Büro. Wer sich offenbart, muss damit rechnen, dass ihm niemand glaubt.

Wer sich offenbart, muss damit rechnen, dass der Partner, die Freunde und Verwandte ihm mit Beklommenheit begegnen. Und dass Fremde ihn betrachten mit diesem seltsamen Blick: So also sieht ein Missbrauchter aus...

Auf Übergriffe gegen Kinder reagiert die Öffentlichkeit mit besonderer Bestürzung. Aber auch Erwachsene werden für ihr Leben traumatisiert, wenn sie sexuelle Gewalt erfahren. Kann nicht fast jede Frau eine Episode schildern, in der sie, wenn nicht begrapscht oder vergewaltigt, so doch bedrängt oder genötigt worden ist?

Wie viel Gewalt müssen Behinderte über sich ergehen lassen, wie viel die Alten?
Die mühsam errungene Zivilität unserer Gesellschaft ist in jeder Sekunde brüchig, der Alltag allen Fortschritten zum Trotz gewalthaltiger, als wir uns eingestehen mögen. Und blicken wir in andere Länder, in denen Kinder als Sklaven verkauft und Frauen rigoros unterworfen werden, müssen wir erst recht tief Luft holen für den langen, langen Lauf, den wir noch vor uns haben.

In Deutschland ist es noch immer nicht gelungen, ein dichtes Netz an Hilfsangeboten und Therapieplätzen zu knüpfen, das Betroffene schnell und unbürokratisch auffängt. Die Verjährungsfristen sind noch immer so gestaltet, dass viele keine Aussicht haben, vor Gericht zu ihrem Recht zu kommen.

Politiker drücken sich gerne um eine Antwort herum, wie die Justiz, das Bildungs- und das Gesundheitssystem mit Pädophilen und Pädokriminellen umgehen sollen. Es gibt diese Menschen, es bringt nichts, die Augen davor zu verschließen. Und die Stärke des Rechtsstaats zeigt sich darin, wie gut er Kinder vor ihnen schützen kann, ohne dabei seine Prinzipien zu verraten.

Deshalb erfüllt es mich mit Sorge und mit Zorn, dass Neonazis und die NPD in jüngster Zeit immer offensiver versuchen, das Thema „Kindesmissbrauch“ zu besetzen. Sie fordern die Todesstrafe für Kinderschänder. Es ist eine Kampagne, die die Ängste von Eltern und die Verzweiflung vieler Opfer ausnutzt.
Für den Kampf gegen sexuelle Gewalt sind Rechtsextremisten und Rassisten die Letzten, die wir gebrauchen können.
Wir brauchen sensible und entschlossene Menschen, wie Sie es sind, Herr Huckele. In Ihrem Buch sagen Sie, sie wollen kein Held sein. „Der Held ist eine Scheißrolle.“ Sie haben sich Ihre Rolle und den Kampf, den Sie führen, ja auch nicht ausgesucht. Sie wurden Ihnen aufgezwungen, und Sie machen nun das Beste daraus.

Zum Glück waren sie nicht ganz allein, es gab Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Auch sie verdienen Dank und großen Respekt. Lassen Sie sich nicht auseinanderbringen dadurch, dass die Öffentlichkeit Einzelne heraushebt!

Jahrelang haben Sie, Andreas Huckele, Ihren Kampf unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers geführt. Es war, auch weil Sie als Lehrer arbeiten, ein Schutz, den Sie und Ihre Familie gut gebrauchen konnten.

Ich habe mich so daran gewöhnt und das Pseudonym sogar in unserer nichtöffentlichen Korrespondenz stets benutzt, dass es mir nun fast ein bisschen schwerfällt, Sie als Andreas Huckele anzusprechen. Aber ich freue mich darüber, dass das nun möglich ist.

Und noch mehr freue ich mich darüber, dass Sie nicht mehr laut schreien müssen, wenn Sie nun zu uns sprechen. Wir werden Ihnen aufmerksam zuhören.

© Tanjev Schultz 2012

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Tanjev Schultz ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung.

 

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