Geschwister-Scholl-Preis 2012 - Jürgen Dehmers (Andreas Huckele)

Ansprache von Christian Ude

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

dies ist bereits die 33. Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises und zum 25. Mal schon findet sie hier in der Aula der Ludwig-Maximilians-Universität statt. Und da es eine treue Gemeinde ist, die zu dieser Verleihung kommt, werden Sie sich alle daran erinnern, dass in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle, die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich mit bisher verdrängten Aspekten des Nazi-Regimes bei den ausgezeichneten Werken im Vordergrund stand. Aber einzelne Werke haben sich auch Erscheinungen der Unterdrückung, des Missbrauchs, der Verfolgung, der Gefährdung in gegenwärtigen Gesellschaften zum Thema gemacht: Sei es das Treiben der italienischen Mafia, seien es politische Morde und Staatsversagen im gegenwärtigen Russland, sei es auch die Unterdrückung von Frauen durch archaische Menschenbilder im gesamten verwandtschaftlichen Umfeld - und heute haben wir wieder ein Gegenwartsereignis.

Das wirft immer eine Frage auf: Kann denn Kritik an heutigen Missständen, auf die angeblich alle Medien geradezu begierig warten, ein Akt der Zivilcourage sein? Heute droht einem doch nichts im freiheitlichen Rechtsstaat, wenn man Missstände aufdeckt. Ja, im Gegenteil die Mediendemokratie wartet auf Stofflieferanten – so das weitverbreitete Vorurteil. Und dann kommt so eine Mitteilung, wie sie Herr Platiel gerade eben gemacht hat, die ich nicht kannte, dass dieses erschütternde –ich möchte sogar sagen, wenn es niemand falsch verstehen wird – schwer zu ertragende Buch, dieses auf jeden Fall schmerzhafte Buch…von 20 Verlagen abgelehnt worden ist, ehe einer zugegriffen hat. Da fällt mir eine entsetzliche Parallele auf, weil Sie offensichtlich ein Jahrzehnt lang versucht haben, Augen zu öffnen, Fakten mitzuteilen und Reaktionen auszulösen, dass wir vor zwei Tagen am anderen Ende der Ludwigsstraße, auf dem Odeonsplatz, der Opfer des rechtsextremistischen Terrors gedacht haben, die über ein Jahrzehnt lang nicht als Opfer des rechtsextremistischen Terrors erkannt wurden, weil die Sicherheitsbehörden diese Möglichkeit schnell verworfen und stattdessen alle möglichen Verdächtigungen über die Opfer unter so flotten Namen wie „Dönermorde“ oder „Bosporus- Kommission“ in Umlauf gebracht haben. Vor zwei Tagen haben wir uns noch gedacht: Was für ein entsetzliches Staatsversagen, dass Straftaten, Morde ein Jahrzehnt lang nicht aufgeklärt werden mitten in diesem Rechtsstaat – das wäre der Zivilgesellschaft nicht passiert.

Aber heute haben wir es mit der Zivilgesellschaft zu tun: genau dasselbe Versagen, genau derselbe Zeitraum – über ein Jahrzehnt. Die Betroffenen tragen ihre Schmerzen, das erlittene Unrecht vor, aber es finden sich weder Zeitungsredaktionen, noch Verlage, noch Kollegen im Lehrerkollegium, noch Mitglieder des Kuratoriums, noch Begleiter der Reformpädagogik, die irgendetwas aufgreifen würden.

Das bringt mich zu der Bewertung, dass der Geschwister-Scholl-Preis keineswegs mit dem historischen Abstand zum Ende des Dritten Reiches immer nostalgischer, aber auch überflüssiger wird. Weil man angeblich heute doch keine Zivilcourage mehr brauche, um Unrecht aufzudecken oder für Opfer einzutreten oder Übeltätern das Handwerk zu legen. Das Gegenteil ist richtig. Wir stehen gerade in diesem Jahr vor dem Versagen erst der Staatsorgane bei einer Mordserie, die ein Jahrzehnt lang unentdeckt blieb, und dann vor dem Versagen gerade der aufgeklärten, reformbereiten Zivilgesellschaft, die Hinweise, selbst Buchmanuskripte nicht zur Kenntnis nehmen wollte. Da steckt sicherlich kein subjektiv böser Wille dahinter, sondern der Wunschgedanke, man möge doch die Reformpädagogik nicht in Misskredit bringen. Viele konnten und wollten es auch wirklich nicht glauben. Manche haben es für eine Revanche gehalten, dass auf die Aufdeckung von Übergriffen und sexuellen Missbrauch im Bereich der katholischen Kirche plötzlich die Reformpädagogik, dieser Hort des Fortschritts, nun ins Visier geraten sollte.

Also, es gibt schon mehr Mechanismen der Unterdrückung als nur staatliche Apparate, die es mit Zwang und Gewalt durchsetzen. Es gibt auch gedankliche Tabus, Absichten der Schonung, vermeintlich für gute Zwecke. Um konsequent wegzuschauen, selbst wenn Opfer sich bereits melden und schon die Kraft gefunden haben, schriftlich Bericht zu erstatten. Wenn es also eigentlich überhaupt keine Möglichkeit der Verdrängung mehr gibt. Es fand trotzdem von der ersten Versendung der Manuskripte bis zum endgültigen Druck ein quälend langer Prozess der Verdrängung statt. Ich denke, dass dies uns alle betroffen machen muss. Dieses Jahr endet gewissermaßen mit der Scham über umfassendes Staatsversagen.

Was haben wir – ich eingeschlossen – bei der nachträglichen posthumen Ehrung eines Mordopfers in Russland gesagt: Es mag ja sein, dass das Putin-Regime nicht mit dem Finger am Abzug tätig war, aber ein moderner Staat, der jahrelang mörderisches Treiben nicht unterbindet, wird schuldig durch sein Staatsversagen. Man muss sich diese Worte mal im Angesicht der rechtsextremistischen Mordserie und ihres ein Jahrzehnt langen Unentdecktbleibens vergegenwärtigen, um zu erkennen, wie wenig Anlass wir haben, uns auf irgendein hohes Ross zu setzen. Ich glaube, die heutige Preisverleihung für ein großartiges, weil wirklich couragiertes und bitter notwendiges Buch macht deutlich, dass es offensichtlich heute notwendiger – ich will nicht sagen denn je, aber notwendiger als seit langem – ist, an die Pflichten von Staatsorganen, nicht auf den rechten Auge blind zu sein, und an die Pflichten der Zivilgesellschaft, sich für jeden einzusetzen, dem Unrecht geschieht, auch wenn es nicht in die bestehenden Vorurteile und Vorlieben sich nahtlos einfügt, zu erinnern. Auch nach 33 Jahren Geschwister-Scholl-Preis ist es nötig, Zivilcourage zu stärken und zu ermutigen.

Wobei ich eines noch, sozusagen in eigener Sache, hinzufügen will. Viele haben ja am Anfang der Missbrauchsdebatte geglaubt, es sei ein Problem der katholischen Kirche. Kein Wunder bei dem gestörten Verhältnis zur Sexualität. Das kommt halt heraus, wenn man lustvolle sexuelle Entfaltung verhindert oder verbietet. Aber dann kam der Schock: Die Reformpädagogik ist unter ganz anderen Vorzeichen zu ähnlich niederschmetternden Fähigkeiten und Entgleisungen fähig. Da sollten wir uns als Münchner Bürger, als Repräsentanten der Stadt nicht sicher vor Kritik fühlen. Die Debatte über kirchliche Missbrauchsfälle und sogar die Reformpädagogik löste natürlich auch Nachfragen aus: Wie war das denn bei der Stadt, bei städtischen Heimen? Das Resultat war zwar nicht statistisch so gewaltig, aber es war beschämend. Denn es gab nicht nur Übergriffe, Missbrauchsfälle, Abhängigkeiten, die schamlos ausgenutzt wurden und zwar jahrelang. Es waren sogar höchste Repräsentanten der Pädagogik der Stadt an den Heimen verwickelt. Auch die Stadt München hat sich der Frage zu stellen: Wie man schonungslos aufklärt – schonungslos nicht für die Opfer, sondern für die Täter – und wie man überhaupt über die Entschuldigungen hinaus, die wichtig sind, aber nicht wirklich heilen, Entschädigung leisten kann und in Zukunft für alle Zeiten derartige Machtmissbrauchsfälle unterbindet.

Ich will damit sagen: Das Buch beschreibt nicht Vorkommnisse in einem wunderschönem, aber einsam gelegenem Internatsgebäude, es beschreibt Vorkommnisse auch in unserer Stadt, in unseren städtischen Einrichtungen - und ich bin fest überzeugt, dass es überall viel zu entdecken gäbe, wenn man nur am Lack kratzen würde. Wir sind es den Opfern, die nicht alle die Kraft haben, ein Buch darüber zu schreiben, einfach schuldig, uns dieser Schicksale anzunehmen!

© Christian Ude 2012

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Christian Ude ist Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München.

 

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