Geschwister-Scholl-Preis 2013 - Otto Dov Kulka

Laudatio von Dr. Susanne Heim

Sehr verehrter Herr Professor Kulka, lieber Dov!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Wer in Jerusalem nach Professor Kulka sucht, findet ihn in der Regel in der Hebräischen Universität. Dort hat er viele Jahre die Geschichte des jüdischen Volkes, insbesondere des deutschsprachigen Judentums, erforscht und gelehrt. Noch heute hat er einen Arbeitsraum an der Uni, der bis unter die Decke vollgestopft ist mit Büchern und in dem die Manuskriptstapel langsam von den Wänden her in die Raummitte wachsen. Ein Computer mit wohlgeordneter Festplatte gewährleistet den Überblick. In diesem Raum verbringt Kulka in der Regel 10 bis 12 Stunden täglich, arbeitet mit Akribie und Ausdauer an seinen diversen Publikationsprojekten und korrespondiert mit Kollegen in aller Welt.
Als wir uns Mitte der 1990er Jahre kennenlernten, arbeitete er u.a. an seinem Buch über die Reichsvertretung der deutschen Juden. Die darin publizierten Dokumente hat er über viele Jahre hinweg in verschiedenen Archiven gesammelt – darunter auch lange vor dem Fall der Mauer in der DDR.

Bevor ich auf seine „Landschaften der Metropole des Todes“ eingehe, ein paar Worte zum Historiker Dov Kulka: Was war und ist ihm wichtig an der Geschichte der deutschen Juden?

Die Reichsvertretung unter Vorsitz des Rabbiners Leo Baeck, fungierte 1933-1938 als Interessensvertretung der deutschen Juden. Landläufig galt sie als eine „Instanz der Ohnmacht“, um einen Ausdruck von Doron Rabinovici zu verwen¬den. Sie wurde ähnlich wie die Judenräte im besetzten Polen meist als irgendwo zwischen Hilf- und Machtlosigkeit und verordneter Kollaboration angesiedelt. Kulka hat dieses Bild gründlich revidiert. Seine Dokumente zeigen die Reichsvertretung als die einzige – trotz aller Schwierigkeiten noch funktionierende – demokratische Institution im gleichgeschalteten Deutschland. Wie andere jüdische Organisationen versuchte sie, so schreibt er im Aufsatz, der im Anhang seines hier vorzustellenden Buchs veröffentlicht ist, „den Zerfall der jüdischen Gesellschaft zu verhindern, sich aber gleichzeitig den neuen Lebensbedingungen anzupassen und einen Umgang mit ihnen zu finden, so schwer sie auch gewesen sein mögen“. Es geht ihm dabei nicht um das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen, gar eine vermeintliche Symbiose zwischen beiden, sondern um die innerjüdische Auseinandersetzung.

Sein zweites großes Thema ist die Haltung der deutschen Bevölkerung zur Verfolgung der Juden. Zusammen mit Eberhard Jäckel hat er auch dazu eine monumentale Quellenedition vorgelegt, die längst zum Grundlagenwerk avanciert ist: Eine Sammlung sogenannter Stimmungsberichte verschiedener Partei- und Staatsinstitutionen über die Reaktionen der Deutschen auf die antijüdische Politik.
Um dieses zweite Thema vor allem ging es in unseren Diskussionen, die wir bei jedem meiner Besuche in Jerusalem fortgesetzt haben, als hätten wir gerade gestern zuletzt darüber gesprochen: Wie ist das Schweigen der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung über die Judenverfolgung insbesondere nach Beginn der systematischen Deportationen zu deuten? Als innere Distanz, als Gleichgültigkeit oder doch eher als stillschweigendes Einverständnis?
Diese Gespräche waren für mich nicht nur ein anregender Gedankenaustausch, bei dem Dov Kulka stets ebenso freundlich wie hartnäckig manche meiner vielleicht zu sehr von deutschen Historikerdebatten geprägten Ansichten hinterfragt hat. Vielmehr habe ich kaum je einen Kollegen erlebt, der sein Wissen und seine angesammelten „Schätze“ so großzügig mit anderen geteilt hat wie er. Immer war für ihn die Verbreitung seiner Erkenntnisse und der sie untermauernden Dokumente wichtiger als die Gewissheit, dass sie nur in Verbindung mit seinem Namen das Licht der wissenschaftlichen Welt erblicken würden.

In all den Jahren wusste ich zwar, - von anderen - dass Dov Kulka als Kind in Auschwitz war. Aber gesprochen haben wir erst sehr viel später darüber. Er hat immer großen Wert darauf gelegt, dass er sich der nationalsozialistischen Judenverfolgung ausschließlich mit dem Instrumentarium des Historikers näherte. Seine – wie er selbst es ausdrückt – „außerwissenschaftliche“ Auseinander¬setzung mit dieser Erfahrung, blieb den meisten, die ihn kannten, verborgen. Auch im engsten Familienkreis wusste niemand von seinen Tagebuchnotizen. Nur mit einigen engen Freunden, die ähnliches durchgemacht hatten, sprach Dov Kulka über seine Erfahrungen. Von diesen Gesprächen sind - auf Umwegen und nach anfänglicher Weigerung Kulkas - Tonbandaufzeichnungen entstanden, die er zusammen mit den schriftlichen Notizen viel später zu dem Buch verarbeitet hat, für das er heute mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet wird.
Anfangs wollte er die Aufzeichnungen nur abtippen lassen, um sie seinem Nachlass beizufügen, nicht aber um sie zu veröffentlichen. Erst allmählich hat er diese Haltung revidiert. Ausschlaggebend dafür war nicht zuletzt die Krebsdiagnose, die ihm die Ärzte Ende der 1990er-Jahre stellten. Sie nahmen an, dass er noch zwei oder drei Jahre leben werde.
Nicht Erinnerungen im klassischen Sinne hat Kulka geschrieben. Das hat auch die Jury in ihrer Begründung hervorgehoben. Es sind eher Aufzeichnungen von einer Spurensuche – vor Ort in Auschwitz und Stutthof – und im übertragenen Sinne: Spuren in seinem Gedächtnis.

Dov Kulka ist 1933 in der Tschechoslowakei geboren. Als Kind jüdischer Eltern wurde er nach der deutschen Zerschlagung und Besetzung des Landes zunächst im Ghetto Theresienstadt inhaftiert und von dort im September 1943 zusammen mit seiner Mutter nach Auschwitz deportiert. Bei der Ankunft war er zehn Jahre alt. Ein Kind dieses Alters hatte in der Regel keine Chance, die Selektionen an der Rampe zu überstehen. Doch die Juden, die im September 1943 aus Theresienstadt eintrafen, so schreibt Kulka „durchliefen keinen Selektionsprozess, dem die Liquidierung der [sogenannten] ‚Arbeitsuntauglichen’ gefolgt wäre, sondern wurden in einem separaten Lager in Auschwitz-Birkenau untergebracht, in dem es – abermals im Unterschied zum üblichen Ablauf in anderen Auschwitz-Lagern – Männern, Frauen und Kindern erlaubt war, in einem einzigen Lager zusammenzubleiben. Sie unterschieden sich vom Rest der Häftlinge durch ihre Kleidung und den Umstand, dass man ihnen nicht die Köpfe schor.“
Das Familienlager sollte der Welt vortäuschen, dass die Juden in Auschwitz nicht ermordet würden. Anfangs glaubten auch die schon seit längerem im Lager befindlichen Häftlinge, die die Wahrheit kannten, dass die Deportierten aus Theresienstadt aus irgendeinem Grund eine Ausnahme bildeten. Doch dann wurden alle, die im September 1943 ins Familienlager gekommen waren, ohne Selektion am 7. März 1944, ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet. Kulka: „Einige Tage vor ihrer Hinrichtung wurde ihnen befohlen, Postkarten ins Ghetto Theresienstadt und an Bekannte in Deutschland, in den besetzten Gebieten und in neutralen Ländern zu schreiben. Diese Postkarten mussten auf den 25. März vordatiert werden, also auf ein Datum, das mehr als zwei Wochen nach ihrer Ermordung lag.“

Dov Kulka hat als einer der wenigen diese Vernichtungsaktion vom 7. März 1944 gemeinsam mit seiner Mutter überlebt, weil sie sich im Krankenbau befanden. „Jene Nacht im März“, so schreibt er in den „Landschaften der Metropole des Todes“, „in der all meine Kindheitsfreunde – und fast meine ganze Familie, wie ich am nächsten Morgen feststellte – ausgelöscht wurden, kommt in Bildern zurück, die ich nicht mit eigenen Augen gesehen habe, die ich aber ständig wieder-erfahre: Wie sie die Gaskammern betreten und ich mit ihnen, weil ich zu ihnen gehöre.“
Das ist das große Thema des Buches: Das Entkommen-sein, obwohl dies eigentlich nicht vorgesehen war. Mehrfach entgeht der Zehn/-Elfjährige dem Tod, den er vom Tag der Ankunft im Lager an als absolute Gewissheit vor Augen hat. Sein Vater Erich Kulka war bereits seit 1942 in Auschwitz und ihm gelang es, gleich nachdem der Transport aus Theresienstadt angekommen war, Kontakt zu Frau und Sohn aufzunehmen. Er erzählte ihnen ohne Umschweife, was sie – und alle anderen Häftlinge – erwartete: das „unausweichliche Gesetz des großen Todes“. Dov Kulka lebte mit diesem „Gesetz“ anderthalb Kindheitsjahre lang. In einem Alter, in dem Kinder nach Orientierung und Normen suchen, sich die Welt erklären wollen, steht diese Welt für ihn völlig im Zeichen dieses „unabänderlichen Gesetzes“.

Kulka beschreibt das Grauen des Lagers nur schemenhaft. Anders als den Überlebenden der unmittelbaren Nachkriegszeit geht es ihm in diesem Buch nicht darum, Zeugnis über die Verbrechen abzulegen. Das hat er früher getan. Er ist mehrfach als Zeuge in Kriegsverbrecherprozessen aufgetreten, darunter auch im Frankfurter Auschwitzprozess. Seine Schilderungen einer Kindheit in Auschwitz sind bisweilen fast lakonisch formuliert. Das Grauen tritt erst dadurch hervor, dass der Leser um die Verbrechen und die Brutalität des Lagers weiß. In der Spannung zwischen diesem Wissen und den Schilderungen des blauen Sommerhimmels über dem Lager als Inbegriff der Schönheit, wird die „Urerfahrung des lauernden Grauens“ spürbar.

So auch, wenn Kulka von den „ungeplanten Vergnügungen“ berichtet: „Als Kinder wollten wir unbedingt wissen, ob der Stacheldraht des elektrischen Zauns wirklich unter Strom stand, eine Frage, die uns keine Ruhe ließ. Wir schlichen uns an ihn heran, tagsüber, nicht nachts, und wetteten, wer es wagen würde, den Draht zu berühren, und am Leben bliebe. […] Das Besiegen der Angst durch den Mut und die bewusste Selbstgefährdung der Kinder, um dieses untergeordnete System des Todes – einen Zaun, der nicht beziehungsweise nur in bestimmten Fällen dazu diente zu töten – zu prüfen, war für sich genommen schon eine große Sache.“ Weniger amüsant, heißt es dann im nächsten Absatz, war der Leichenhaufen, der auf seinem Weg zum Kinderblock lag und an dem er immer möglichst schnell vorüberging. Es ist eine Wegmarke in seiner „Landschaft“ wie für andere Kinder in anderen Zeiten irgendeine unheimliche Erscheinung, ein altes Haus oder ein dunkles Waldstück, das sie auf dem Schulweg passieren.
Mehrfach entkommt der Junge Dov Kulka dem Tod, der schon sicher scheint: er wird für die Ermordung im Gas selektiert und dann doch zu irgendeiner Arbeit abkommandiert. Er wird zusammen mit anderen Jugendlichen in Richtung auf die Krematorien geführt und entgeht doch der als sicher angenommenen „Auslöschung“. Aber das „unabänderliche Gesetz des großen Todes“ ist dadurch nicht aufgehoben. Die Ausnahme bestätigt die Regel: es gibt kein Entkommen.

Und dann ist da der „kleine Tod“, der individuelle: Nach der Auflösung des Familienlagers und der Ermordung der Insassen lebt der Junge zusammen mit seinem Vater im Männerlager und hat die Aufgabe, jeden Tag seinem Onkel einen kleinen Metallbehälter mit Suppe durch den Stacheldraht zu reichen. An jenem Oktobertag 1944 jedoch, als die Häftlinge des Sonderkommandos in Auschwitz rebellierten und zu fliehen versuchten, wurde der Stacheldraht unter Strom gesetzt.
„Ich fühlte die Schläge durch meinen ganzen Körper rasen, ich klebte am Zaun fest. Ich war erstarrt, aber fühlte mich einige Zentimeter über dem Boden schweben. […] ich hing im elektrischen Zaun. Gefangen. In diesem Moment war mir klar, dass ich tot war, denn es war bekannt, dass jeder, der sich im Zaun verfängt, auf der Stelle stirbt. […] Der einzige Gedanke, der die ganze Zeit in meinem Kopf hämmert, war: Ich bin tot, und die Welt, wie ich sie sehe, hat sich nicht verändert! So also sieht die Welt nach dem Tod aus?“

Die Frage, wie es ist, tot zu sein, die ihn - wie die meisten Kinder - seit seinem fünften oder sechsten Lebensjahr beschäftigt, dieses Rätsel ist für den Elfjährigen gelöst: „Tod ist gar nicht Tod, die Welt hat sich für mich nicht verändert, ich sehe die Welt und nehme sie wahr.“ Das heißt aber auch: Tod ist keine Erlösung! Schließlich nahm einer der Häftlinge einen Stock und stieß dem am Elektrozaun klebenden Jungen damit gegen die Brust, bis er schwer verletzt zu Boden fiel. So war er dem kleinen Tod entkommen, um in den großen Tod zurückgestoßen zu werden – nur noch ein Stückchen näher dran, denn die Wunden an seinen Händen machten ihn arbeitsunfähig. Und die Arbeitsunfähigen wurden selektiert.

Der Text schildert Auschwitz aus der Perspektive des staunenden Kindes, das Dov Kulka damals war. Seine Sprache erzeugt eine Atmosphäre der Unwirklichkeit. Darin wandelt das Kind wie im Traum durch die Metropole des Todes, ohne jede Illusion, aber doch staunend über die Welt der Erwachsenen, über die „frische Nacht mit den lebendigen Lichtern“ bei der Ankunft in Auschwitz oder über die roten Flecken auf dem blassen Schädel des Häftlings, der in einer Strafzeremonie, „einer Art Spiel“ von SS-Männern verprügelt wird „als wäre es ein Zeitvertreib“.

Und doch nimmt Kulka nicht durchgängig die Perspektive des Kindes ein. Er macht gar nicht den Versuch, eine Unmittelbarkeit vorzutäuschen. Immer wieder thematisiert er die Retrospektion, reflektiert und hinterfragt seine Erinnerung. Schon am Anfang des Buches, bei der Schilderung der ersten Rückkehr nach Auschwitz im Jahre 1978, als er glaubte, die Orte, durch die ihn ein geschwätziger Taxifahrer chauffierte, zu erkennen: „Ich erkannte sie gleichsam wie im Traum. Vielleicht habe ich sie auch gar nicht erkannt und nur gemeint, ich würde sie erkennen, aber das ist hier nicht von Belang.“
Er berichtet von den künstlerischen Auftritten, die in der Kinderbaracke einstu-diert wurden und fährt dann fort: „Noch stärker sind mir die satirischen Darbietungen in Erinnerung geblieben, an denen ich mitwirkte: Jede Gruppe sollte eine fiktive zukünftige Situation vorstellen, die in der Wirklichkeit von Auschwitz verankert war. An viele Aufführungen kann ich mich nicht im Einzelnen erinnern, aber ich erinnere mich an einen Sarkasmus, den die Kinder und die Jugendleiter sehr gut verstanden. Unsere Gruppe führte ‚Das himmlische Auschwitz – das irdische Auschwitz’ auf: Als Neuankömmlinge im Himmel entdeckten wir zu unserer Verwunderung, dass es in der oberen Welt Selektionen und Krematorien gab.“
Für die Kinder, die alles über die Industrie des Todes wissen, ist das Nicht-Entkommen so selbstverständlich, dass sie damit ironisch umgehen: Es gibt kein Jenseits, in dem das „unabänderliche Gesetz“ nicht gelten würde.

Der Text wechselt manchmal mitten im Satz zwischen Erinnerung, Reflexion der Erinnerung und der eigenen Arbeit als Geschichts-Forscher, zwischen Traum und Flashback. Ein Detail, das im Gedächtnis aufblitzt, versetzt ihn für Sekunden in die Kindheit in Auschwitz zurück: Im Bahnhof Friedrichstraße in Ostberlin begegnen ihm viele Jahre nach Kriegsende die gleichen langen Wasserleitungen mit eingebohrten Löchern wieder, mit denen auch die Häftlingswaschräume in Auschwitz ausgestattet waren. Eben dort probte wegen der guten Akustik der Kinderchor des Familienlagers Schillers „Ode an die Freude“.

Es gibt weder eine gewöhnliche Rahmenhandlung noch eine stringente Chronologie. Viele Episoden werden nur gestreift und nicht von Anfang bis Ende erzählt. Dadurch wird das Tastende der Erinnerung noch unterstrichen.

Dov Kulka hat überlebt; die vielen kleinen Tode und den großen Tod. Ebenso sein Vater. Die Mutter wurde aus Auschwitz nach Stutthof weiterdeportiert. Dort brachte sie einen Sohn zur Welt, der in Auschwitz gezeugt worden war. In Stutthof töteten ihn die Pflegerinnen im Krankenbau, die fürchteten, dass der schreiende Säugling, den es nicht geben durfte, Exzesse der SS-Männer provozieren würde. Zusammen mit drei anderen Frauen konnte die Mutter fliehen. Doch sie starb, versteckt auf einem Bauernhof in der Nähe des Lagers, am 25. Januar 1945 an Typhus.

Dov Kulka hat überlebt, aber ob er der Metropole des Todes entkommen ist, wage ich nicht zu sagen. Es hat mehr als 30 Jahre gedauert, bis er zum ersten mal wieder an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt ist; und noch viel länger, bis er das Schweigen über diese Kindheit gebrochen hat. Die metaphernreiche Sprache überlässt vieles der Vorstellungskraft des Lesers, statt es in grauenhafter Konkre-tion zu benennen. Vielleicht ist diese Sprache auch der Schwierigkeit der eigenen Wiederannäherung an den Ort geschuldet. Denn die schrittweise Erkundung der „Landschaften der Metropole des Todes“ führt zu der Erkenntnis, sie nie wirklich hinter sich gelassen zu haben. Und schließlich nimmt Kulka sie an, statt davor zu fliehen. Sie sind zu seinem Rückzugsort geworden. Es sind die Landschaften seiner Kindheit hat er einer Journalistin der israelischen Zeitung Ha’aretz gesagt. „Ich besuche sie in meinen Träumen, sowohl wachend als auch im Schlaf. Ich finde meine Freiheit in ihnen, weil ich in dieser Landschaft allein bin. Ich schneide mich von allem anderen ab, auch in Stressphasen.“
Im Wechsel zwischen den verschiedenen Erinnerungs- und Reflexionsebenen kommt die Suche nach einer Sprache zum Ausdruck, in der sich vermitteln lässt, was Kulka selbst lange Zeit nicht mitteilen wollte. Aber es geht nicht nur um seine eigene Erfahrung in Auschwitz sondern, so schreibt er, „um Metaphern für das, was sich damals in eine Weltordnung auszubreiten schien, die den Lauf der Menschheitsgeschichte verändern würde“.

Ich möchte mit einem zweifachen Dank schließen: zum einen an die Jury, dass sie gerade dieses Buch für den diesjährigen Geschwister-Scholl-Preis ausgewählt hat. Zum anderen und vor allem aber danke ich Dov Kulka dafür, dass er bei seiner persönlichen Erkundung der „Metropole des Todes“ eine Sprache gesucht und gewählt hat, die auch uns, die Nachgeborenen, an dieser Erkundung teilhaben lässt – auch wenn wir seine Landschaften nicht betreten.


© Susanne Heim 2013



Es gilt das gesprochene Wort.

 

Dr. Susanne Heim ist Projektkoordinatorin der Edition „Judenverfolgung 1933-1945“ beim Institut für Zeitgeschichte.

 

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