Geschwister-Scholl-Preis 2013 - Otto Dov Kulka

Dankesrede von Otto Dov Kulka

Sehr verehrter Prof. Martin Wirsing,
Sehr verehrter Herr Christian Ude,
Sehr verehrter Dr. Jörg Platiel,
Sehr verehrte Dr. Susanne Heim,
Verehrtes Publikum,

Ein Besuch in München bedeutet mir viel. Nämlich eine Rückkehr in die Jahre, in denen ich in deutschen Archiven und Bibliotheken für meine Dissertation forschte. Es waren vor allem das Münchner Institut für Zeitgeschichte, das Bayerische Hauptstaatsarchiv und selbstverständlich die Bayerische Staatsbibliothek, wo ich meine Zeit verbrachte. Aber der Preis geht an das Buch, das ich, nicht ganz zu Recht, mein „Außerwissenschaftliches“ nannte.

Zu Beginn möchte ich aber hervorheben welche Bedeutung die humanistischen Werte für mich haben, die dem Geschwister-Scholl-Preis zu Grunde liegen. Darunter „geistige Unabhängigkeit, die Förderung moralischen und intellektuellen Muts sowie eines verantwortliches Gegenwartsbewusstsein.“
Vor allem aber möchte ich meine große Bewunderung für Sophie und Hans Scholl aussprechen, zu deren Andenken dieser Preis benannt ist. Sie sind sowohl mit meiner historischen Forschung als auch mit den Landschaften des Erinnerns verbunden. Der Aufruf der Geschwister Scholl und ihrer Gruppe war in meinen Augen nicht nur eine Auflehnung gegen das Regime und seine Vernichtungspolitik, sondern auch ein Aufruf gegen die Gleichgültigkeit und die Judenfeindschaft, welche die deutsche Gesellschaft zu jener Zeit ausmachte. Ich erlaube mir, hier aus einem ihrer Flugblätter zu zitieren:
„Nicht über die Judenfrage wollen wir in diesem Blatte schreiben, keine Verteidigungsrede verfassen, nur als Beispiel wollen wir die Tatsache kurz anführen, die Tatsache, daß seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialische Art ermordet worden sind. Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschheitsgeschichte an die Seite stellen kann.“
In ihrem Aufruf sind sie sich jedoch der radikalen Judenfeindschaft jener Gesellschaft, zu der sie hier sprechen bewusst. Ich lese weiter: „Vielleicht wird man ihnen sagen, die Juden hätten ein solches Schicksal verdient.“ Gegen diese Judenfeindschaft und die Nazi-Vernichtungspolitik scheint ihnen vielleicht nur ein indirektes Argument, in dem die Juden nicht erwähnt sind, Gehör zu finden.
Ich lese weiter aus dem Flugblatt:
„Wie stellt man sich dann zu der Tatsache, daß die gesamte polnische adelige Jugend vernichtet worden ist. […] Wozu wir dies Ihnen alles erzählen, da Sie es schon selber wissen […]? Weil hier eine Frage berührt wird, die uns alle zutiefst angeht und allen zu denken geben muss. [...] Und nicht nur Mitleid, muss das deutsche Volk empfinden, nein, noch viel mehr: Mitschuld. … Ein jeder ist schuldig, schuldig, schuldig!“
Dies ist ein erschütterndes Zeugnis der Vergeblichkeit ihres Protests und ihres Mutes, trotzdem nicht aufzugeben, auch wenn sie mit ihrem eigenen Leben dafür zahlen müssen.

Nun aber einige Worte über mich und die Entstehung des Buches, das ich, ausgehend von meinen Tagebüchern, die Landschaften der Metropole des Todes genannt habe.
Meine eigene Beschäftigung mit der Zeit, in die ich 1933 hinein geboren wurde, verlief in zwei Dimensionen: zum einen widmete ich mich der historischen Forschung, und zum anderen, wie der Untertitel des Buches sagt: „Auschwitz und den Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft“. Jedoch reicht diese zweite Dimension weit über das physische Auschwitz hinaus. Ich kam zu der Erforschung der deutschen Geschichte unter dem Nationalsozialismus und des Schicksals der Juden in dieser Zeit nicht aus Auschwitz, sondern aus der Geschichte. Ich begann meine Studien an einem wesentlich entfernteren Ende, nämlich bei der Philosophie und der Frühgeschichte, und gelangte erst später zu der Entscheidung, mich der Erforschung und der Lehre der modernen jüdischen Geschichte zu widmen, die die NS-Zeit mit einschloss.

Jahrzehntelang glaubte ich, dass es ausschließlich der wissenschaftliche Weg sein könne, auf dem ich diese Vergangenheit verstehen will und den ich auch weiterhin in meiner Arbeit verfolge. Sie könnten fragen: Wo war Auschwitz zu jener Zeit? Es war anwesend. Aber nur in meinen Tagebüchern und Träumen. An einem bestimmten Punkt, etwa vor 20 Jahren, hatte ich entschieden, oder besser, ich hatte zugestimmt, eine Reihe von Interviews aufzuzeichnen, die eigentlich eher Monologe über meine autobiographischen Reflexionen über diese „Metropole des Todes“ sind. Jedoch hielt ich es für unzulässig, die Erforschung meiner eigenen Vergangenheit mit meiner historischen Forschung zu vermischen und dies galt auch für die Veröffentlichung der privaten Betrachtungen meiner Erinnerung und Vorstellungskraft.
Erst nachdem ich die letzten drei Forschungs- und Dokumentationsprojekte in den Jahren 1997 bis 2010 abgeschlossen hatte, beschloss ich, meine sozusagen außerwissenschaftlichen privaten Betrachtungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Was Sie wohl als etwas ungewöhnlich, aber charakteristisch bei der Lektüre dieses Buches wahrnehmen könnten, ist seine metaphorische Sprache mit ihren wiederkehrenden Motiven, wie etwa »das unabänderliche Gesetz des Todes«, »der Große Tod«, »die Metropole des Todes«, die in ihrer Deutung über die Erfahrung der Welt von Auschwitz hinausreicht. Diese Motive sind Metaphern für das, was sich damals in eine Weltordnung auszubreiten schien, die die Ausrichtung der Menschheitsgeschichte verändern würde, und als solche sind sie in meiner reflektierenden Erinnerung verblieben. Ich bin mir auch bewusst, dass diese Texte, obgleich im konkreten historischen Geschehen verankert, über die Sphäre der Geschichte hinausweisen.

Ich möchte hier die zwei Betrachtungsweisen in meiner sogenannten privaten Mythologie erklären: zum einen die unmittelbare, direkte Erfahrung der Welt von Auschwitz, die der Verstand des Kindes nicht in vollem Umfange erfassen konnte; und gleichzeitig die zweite Dimension, betrachtet durch das Prisma meines reflektierenden historischen Denkens, die in der Abstraktion der Realität - der letzten Phase der „Endlösung“ besteht.

„Die Metropole des Todes“ und das „unabänderliche Gesetz“ sind Metaphern für das, was sich in Auschwitz als die Quintessenz der nationalsozialistischen Ideologie realisierte, die sich zu jener Zeit in ganz Europa und noch weiter auszudehnen drohte. Dies war ein Versuch, dem Kern dieser Ideologie – dem sogenannten Erlösungsantisemitismus, seinem teleologischen Ziel der „Endlösung der Judenfrage“ und der Vernichtung des „jüdischen Geistes“ – folgend den Lauf der Menschheitsgeschichte zu verändern: Die Grundgedanken des Judentums, nämlich die Einheit der Welt und die Gleichheit der Menschen, die sich dann in der judeo-christlichen Zivilisation verbreiteten und in säkularer Form als universalistische Ideen der Demokratie, des Liberalismus und des Sozialismus manifestiert haben, waren der nationalsozialistischen Weltanschauung diametral entgegengesetzt: ihrem Glauben an die Ungleichheit der Rassen und ihrer Hierarchie sowie dem ewigen Überlebens- und Vernichtungskampf der Völker. Das Ziel der Vernichtung des sogenannten jüdischen Geistes und seiner Träger, der Juden, fand in der Metropole des Reiches des großen Todes – Auschwitz in der Zeit ihres Bestehens – seinen historischen Höhepunkt.

Dies war die Schlussfolgerung meiner Forschungen über die NS-Ideologie und Wirklichkeit, deren Anfang, wie schon erwähnt, in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre liegt. Ich war damals - kaum 15 Jahre nach dem Ende Nazi-Deutschlands - ein junger Historiker und einer der ersten israelischen Forscher, der den ungewöhnlichen Schritt wagte, her zu kommen. Ich arbeitete in vielen Archiven und Bibliotheken, in beiden Teilen des damaligen Deutschland und begann einen Dialog mit einigen jungen Historikern der ersten Generation von Nachkriegsabsolventen westdeutscher Universitäten. Dazu gehörte auf deutscher Seite: Martin Broszat, Hans Mommsen und etwas später Eberhard Jäckel. Von der israelischen Seite schlossen sich Shlomo Aronson und Saul Friedländer an und wir alle arbeiteten eng mit dem britischen Historiker Ian Kershaw zusammen. Durch unsere gemeinsame Zusammenarbeit sowie unabhängig voneinander legten wir die Grundlagen für die wissenschaftliche Erforschung der NS-Zeit und des Schicksals der Juden Europas. Allerdings blieb die deutsche Geschichtsschreibung für lange Zeit eindimensional auf die Verfolgung und die Vernichtung der Juden ausgerichtet. Wir, die Israelis, verfolgten einen mehrdimensionalen Ansatz. Neben der Erforschung der Ideologie und der Politik des Regimes erforschten wir auch die Einstellungen der deutschen Bevölkerung gegenüber der sogenannten Judenpolitik des Regimes und den Juden selbst. Darüber hinaus bezogen wir das Leben und das Selbstverständnis der jüdischen Gemeinschaft und ihrer Gesamtvertretungen unter dem NS-Regime in unsere Forschung mit ein.
Im Laufe der Jahre kam es zum Austausch in dem auch deutsche Historiker, darunter Eberhard Jäckel, Hans Mommsen, Wolfgang Schieder, Ulrich Herbert und Susanne Heim, an israelischen Universitäten lehrten und in der Gedenkstätte Yad Vashem mit forschten. Die Zusammenarbeit mit Eberhard Jäckel und unseren beiden Assitententeams an den Universitäten von Jerusalem und Stuttgart brachte im Jahr 2004 die umfangreiche wissenschaftliche Quellenedition „Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten 1933-1945“ hervor. Als jüngstes Ergebnis dieses Dialoges verstehe ich das monumentale Werk „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutsch¬land 1933-1945“, das von Ulrich Herbert, Susanne Heim und ihrem Mitarbeiter-Team herausgegeben wird. In diesem für 16 Bände vorgesehenen Dokumentationsprojekt werden alle oben erwähnten Dimensionen berücksichtigt und auf die Erforschung der Geschichte aller europäischen Länder angewendet. Ich darf hier bemerken, dass Susanne Heim sich in unserer langjährigen Korrespondenz stets auf unsere Gespräche während des gemeinsamen Forschungssemesters in Yad Vashem bezieht, in denen wir über den sich erweiternden Horizont der Geschichtsschreibung nachdachten. Die Anfänge, die bis in die 60er Jahre des vorangegangenen Jahrhunderts zurückreichen, bestimmen offensichtlich auch unseren gemeinsamen Weg in der Gegenwart mit.

Zum Abschluss kehre ich zu dem Buch zurück, dass ich öfters mein „Außerwissenschaftliches“ nenne. Die in ihm enthaltenen Texte waren ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedacht. Vielmehr schrieb ich hier Betrachtungen nieder die zu meinem eigenen Selbstverständnis dienen sollten.
Das Buch wurde seit seiner Ersterscheinung im Januar dieses Jahres in zahlreiche europäische und außereuropäische Sprachen übersetzt. Seine Auszeichnung durch den Geschwister-Scholl-Preis lässt der deutschen Ausgabe, unter allen anderen, eine besondere Bedeutung zukommen. Ich schätze diese Würdigung sehr. Mein aufrichtiger Dank geht an Sie alle!


© Otto Dov Kulka 2013



Es gilt das gesprochene Wort.

 

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