Geschwister-Scholl-Preis 2013 - Otto Dov Kulka

Ansprache von Dr. Jörg Platiel

Sehr geehrter Vizepräsident Prof. Wirsing,
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Ude,
Sehr geehrte Frau Dr. Heim,
Lieber Herr Kulka,
Sehr geehrte Damen und Herren,

so absurd das zu diesem Anlass auch klingen mag, Otto Dov Kulkas Erinnerungs-buch zu den Todeslandschaften von Auschwitz ist ein Glücksfall.

In der schier unüberblickbaren Literatur zur Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten ist dieses Buch eine singuläre Erscheinung. Zeit seines Berufslebens hat sich Kulka als Historiker der wissenschaftlichen Er-forschung der Geschichte des Jüdischen Volkes gewidmet. Literatur über die „Nürnberger Rassengesetze“ beispielsweise, zum „Deutschen Judentum unter dem Nationalsozialismus“, ebenso wie zahlreiche weitere Veröffentlichungen zur modernen Jüdischen Geschichte.
Aber über eines hat Kulka nie gesprochen: über seine eigene Geschichte; über seine Leidensgeschichte im Nationalsozialismus.

Fast 70 Jahre nachdem er – ja man muss fast sagen – auf „wundersame Weise“ der nationalsozialistischen Todesmaschinerie entkommen ist, veröffentlicht Kulka ein Buch, das auf eine ganz andere Weise Zeugnis ablegt von den Gräueltaten der Nationalsozialisten.
Das Terrain, das Kulka mit seinen Aufzeichnungen hier betritt, ist seine ganz persönliche und subjektive Welt. Eine Welt, die sich konsequent jeglichem wissenschaftlichen Zugriff entzieht. Kulka hat seit Jahrzehnten Tagebuch geführt, Träume, die oft Alpträume waren, aufgezeichnet und Tonbandprotokolle verfasst. Er hat dabei Bilder seiner Kindheit in Auschwitz bewahrt, die sich dem damals 11-Jährigen unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt haben, damals als Dov Kulka zusammen mit seiner Mutter vom Ghetto Theresienstadt in das sogenannte „Familienlager“ von Auschwitz deportiert worden war. - Das „Familienlager“ von Auschwitz war eine Propagandalüge der Nazis, die damit beweisen wollten, dass die Berichte über die Vernichtung der Juden im Osten eine Unterstellung seien. -

Es sind Bilder aus dem Blickwinkel eines Kindes, an die sich Kulka erinnert. Bilder, die unversöhnbare Gegensätze scheinbar mühelos in sich vereinen. Bilder von kindlicher Unbeschwertheit wie die des sommerlich blauen Himmels über Auschwitz mit kleinen, fernen silbernen Flugzeugen als eine Art Gruß aus uner-reichbaren Welten. Ebenso wie Bilder von Stacheldrahtzäunen, dunklen Verbrennungsöfen und schwarzen Menschen-Kolonnen, die von den Krematorien des Konzentrationslagers „verschluckt“ werden. Es sind Erinnerungen an einen Alltag, in dem es in der trügerischen Normalität des Familienlagers Unterricht in griechischer Geschichte gab und sogar Musikstunden abgehalten wurden; während nur einige Steinwürfe entfernt die Krematorien lautlos und stetig brannten, meterhohe Flammen aus den roten Backsteinschornsteinen emporschossen und der dunkle Rauch sich in der Abenddämmerung auflöste.

Es ist kein chronologischer Erzählbericht, den Kulka hier verfasst hat. Es sind eher monologische Reflexionen, ein Herantasten an das Erlebte und ein Umkrei¬sen der Erinnerung. Diese Traumbilder, Erinnerungssplitter und Assoziationen haben sich für Dov Kulka zu einer „privaten Mythologie“ verdichtet. Man muss sich das als eine Art Erinnerungskokon vorstellen, der Aufbewahrungsort und Bewältigungsrefugium in einem wird. Ein Refugium, das - so erstaunlich das klingen mag - , für ihn ein „Zufluchtsort“ geworden ist, in aussichtslosen Situationen seines Lebens.

Kulkas Buch ist das späte Zeugnis eines Überlebenden an der Grenze des Ver-gessens. Wir ehren mit Dov Kulka nicht nur den Autor eines außergewöhnlichen Buches. Wir ehren mit ihm einen Zeitzeugen, der ein Wissen bewahrt hat, das ohne seine Verschriftlichung mit ihm und seiner Generation unwiederbringlich verschwunden wäre. Wir ehren mit ihm einen Zeitzeugen, der nach Jahrzehnten des Schweigens bereit ist, seine sehr persönlichen Erinnerungen der Nachwelt weiterzugeben und sein Wissen damit dem Vergessen zu entreißen.

„Man muss in der Vergangenheit blättern“, so heißt es bei dem Schriftsteller und Politiker Andrè Malraux, „wenn man die Zukunft lesen will“. Malraux verweist damit auf die Zukunftsdimension von Kulkas Veröffentlichung. Das Buch ist kein Dokument der Vergangenheit, sondern ein Manifest der Erinnerung für die Zukunft. Und das gilt vor allem für die Generation der Jüngeren, welche die Verbrechen der Nazis , bestenfalls aus dem Geschichtsunterricht kennen.

Es gibt in Nord-Rhein-Westfalen die Stiftung „Erinnern ermöglichen“, die sich zum Ziel gesetzt hat, vor allem Schülerinnen und Schülern Studienaufenthalte in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau zu ermöglichen. „Wer ein menschenwürdiges Morgen will “, heißt es in einer Veröffentlichung der Stiftung, „muss um das Unwürdige im Gestern wissen. Wer möchte, dass Auschwitz nie wieder sei, der muss sich mit diesem Ort auseinandersetzen; vor Ort.“

Wir sind mit Kulkas Erinnerungen direkt „vor Ort“, unmittelbar und unvermittelt. Und wir sollten uns nicht täuschen lassen: diese Träume, Assoziationen und Erinnerungssplitter sind sehr nah und unmittelbar an dem Geschehenen. Mitunter ist das sehr viel näher als scheinbar realistische Schilderungen es je sein können.

Ein Glücksfall ist Otto Dov Kulka auch für den Preis, den er heute in Empfang nimmt. Mit dem Geschwister-Scholl-Preis wird jährlich ein Buch ausgezeichnet, das – ich zitiere aus den Statuten des Preises - von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist ... moralischen, intellektuellen Mut zu fördern und dem ... Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben“.

Mit seinen Aufzeichnungen hat Dov Kulka genau das in vorbildlicher Weise getan: Er hat durch seine ganz persönliche, fast intime Herangehensweise an die schmerzhafte Erinnerung „geistige Unabhängigkeit“ bewiesen und gibt dem Bewusstsein der Gegenwart damit einen entscheidenden Impuls.

Die Geschichte der Vernichtung der Juden in Europa ist ein Trauma, das noch lange nicht bewältigt ist. Wer das vergisst, der wird noch lange darunter leiden. Gerade deshalb ist das Buch „Landschaften der Metropole des Todes. Auschwitz und die Grenzen der Erinnerung und der Vorstellungskraft“ ein wichtiger Beitrag der Vergegenwärtigung und der Bewältigung.

Ein Glücksfall ist aber neben seinem Werk auch, dass Otto Dov Kulka heute hier in München ist. Es ist angereist aus Jerusalem, um hier vor Ort den Preis in Empfang zu nehmen. Er ist im Übrigen nicht das erste Mal in Deutschland.

Er hat auf Lesereisen Schulen besucht und sich dabei den Fragen der Schüler gestellt. Das ist etwas ganz Anderes als der übliche Geschichtsunterricht. Erzählte Geschichte von jemandem, der selbst Teil dieser Geschichte ist. Damit erhält das Erinnern, die Erinnerungsarbeit Kulkas noch eine andere Dimension: Menschen im Jahr 2013 die Möglichkeit zu geben, die Vergangenheit als Gegenwart zu erleben, ihnen noch einmal die Chance zu geben, aus dem Erinnern eine andere Zukunft zu gestalten, das ist wie wenn ein Tor aufgestoßen wird für eine bessere Zukunft.

Für das Alles - lieber Otto Dov Kulka, gebührt Ihnen nicht nur unser größter Dank, dafür gebührt Ihnen unser größter Respekt.


© Dr. Jörg Platiel 2013



Es gilt das gesprochene Wort.

 

Dr. Jörg Platiel ist der Vorsitzende des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V.

 

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