Geschwister-Scholl-Preis 2013 - Otto Dov Kulka

Ansprache von Christian Ude

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

der Stiftung dieses Preises, der heute zum 34. Mal verliehen wird, liegt auch das Motto zugrunde „es darf keinen Schlussstrich geben“, keinen Schlussstrich unter nationalsozialistisches Verbrechen und die kritische Auseinandersetzung mit allem, was damals in deutschem Namen geschah und von Deutschen begangen wurde, niemals einen Schlussstrich in der Auseinandersetzung mit totalitärer Ideologie und Menschenverachtung.

Man kann das Motto „es darf keinen Schlussstrich geben“ aber auch auf die Themen beziehen. Es darf nicht so sein, dass nur Themen bis 1945 Gegenstand couragierter und kritischer Auseinandersetzung sind – und das ist im letzten Jahrzehnt bei der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises in erfreulicher Weise deutlich geworden. Ich möchte, da ich heute zum letzten Mal zu Ihnen in diesem Rahmen sprechen kann, auch auf diese Tradition verweisen.

Der Geschwister-Scholl-Preis will die kritische Auseinandersetzung, den aufrechten Gang, die Zivilcourage stärken, aber nicht ausschließlich bei den Themen vor 1945. Da hat es ja spektakuläre Ausnahmen gegeben, als „Die Neue Übersichtlichkeit“ von Jürgen Habermas 1985 ausgezeichnet wurde oder 1994 das Buch „Deutschland leicht entflammbar“ von Heribert Prantl, das sich damit auseinandergesetzt hat, wie Ausländerfeindlichkeit, wie Rechtsextremismus und Gewaltbereitschaft zu Beginn der 90er Jahre wieder entflammt wurden. Und tatsächlich gab es im letzten Jahrzehnt eine ganze Reihe von Büchern, die sich mit Gegenwartsthemen auseinandersetzen, zum Beispiel Necla Kelek, die untersucht hat, wie Unterdrückung von Mädchen und Frauen in archaischen Gesellschaftsstrukturen aussieht und praktiziert wird, oder leider postum Anna Politkovskaja, die in ihrem russischen Tagebuch geschildert hat, was in sowjetischer und postsowjetischer Diktatur Menschen angetan wird. Am überraschendsten und verstörendsten die Ehrung von Roberto Saviano, der hier mit Polizeischutz erschien, weil er sich mit der Mafia auseinandersetzt, so dass die ihn bis zum Tag und Ort der Preisverleihung im Ausland mit Gewalt bedroht und verfolgt. Oder ein Jahr später Joachim Gauck, der hier für sein Buch „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ ausgezeichnet wurde. Und die nächsten zwei Jahre blieb man dabei, der chinesische Dissident Liao Yiwu erhielt den Preis für sein Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“, in dem er die Verfolgung und die Schikanen schildert, denen ein Dissident in einer Diktatur ausgesetzt ist, und zuletzt wohl die selbstkritischste Preisverleihung: Jürgen Dehmers, der den sexuellen Missbrauch an einer Reformschule schilderte und den seelischen Folgeschäden längere Zeit ausgeliefert war.

Ich glaube, dass der Geschwister-Scholl-Preis auch in Zukunft diesen Spannungsbogen aufrechterhalten muss: Niemals aufhören mit der Auseinandersetzung mit dem Unrecht des Dritten Reiches, aber gleichzeitig immer auch Auseinandersetzung mit dem, was in unserer Zeit geschieht, im In- und Ausland. Das gehört unauflöslich zum Apell, Zivilcourage zu zeigen und gegen den Strom zu schwimmen, dazu und das macht die besondere Bedeutung dieses Preises aus.

Meine Damen und Herren, heute wird ein Buch geehrt, das sich mit einem so noch nie dagewesenen Blick den Landschaften der Metropole des Todes nähert, den Landschaften von Auschwitz und anderen Konzentrationslagern, die der Autor als Kind erlitten hat. Was er dort schildert, ist auf zweierlei Weise unfassbar, einmal wegen der Geschehnisse, wenn er etwa aus kindlicher Sicht die Situation vor der Selektionsrampe schildert oder wenn er ganz nüchtern, fast distanziert, schildert, wie Tötungsrituale oder Strafaktionen grausam durchgeführt werden vor den Mithäftlingen, die zum Zuschauen gezwungen werden. Das sind unfassbare Erlebnisse und Erfahrungen, die so unter die Haut gehen, weil sie nicht aufgelistet werden, wie in sozialwissenschaftlichen Büchern über nationalsozialistisches Unrecht, sondern weil sie seelisch widerspiegeln, was dem kindlichen Beobachter passiert ist. Und auf diese Weise bekommen wir besonders intensiv mit, was das unfassbare Unrecht, die unbegreifliche Grausamkeit in der Seele eines Betroffenen, eines Opfers, eines gerade noch Überlebenden angerichtet hat. Und gerade weil der Autor es mit nüchternen Worten, mit Reflexionen über sein Erinnerungsvermögen verbindet und nicht als Anklage schildert oder als Rekonstruktion der Ereignisse, geht es dem Leser so unter die Haut.

Ich denke, dass die Jury ein literarisch ganz bedeutsames Werk ausfindig gemacht hat und mit dem Geschwister-Scholl-Preis fördert und unterstützt. Ich denke, dass die Entscheidung für das Buch „Landschaften der Metropole des Todes“ von Otto Dov Kulka eine richtige Entscheidung ist, um uns vor Augen zu führen, in einer Zeit, in der immer mehr Zeitzeugen sterben oder nicht mehr Bericht erstatten können, was in den Seelen der Zeitzeugen angerichtet wurde.

Ein herzlicher Glückwunsch für Otto Dov Kulka zum Geschwister-Scholl-Preis 2013!


© Christian Ude 2013



Es gilt das gesprochene Wort.

 

Christian Ude ist Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München.

 

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