Geschwister-Scholl-Preis 2015 - Achille Mbembe

Laudatio von Paul Gilroy

W.E.B Du Bois, der führende schwarze Intellektuelle des 20. Jahrhunderts, kehrte 1894 in die Vereinigten Staaten zurück. Seine Zeit als Student in Deutschland hatte ihn verändert und er veröffentlichte ein Buch, “Die Seelen der Schwarzen”, das ihn schnell zum Anführer seiner Leute machte. Literarische und politische Zufälle dieser Art gibt es selten. In seinem Fall war seine Führungsrolle jedoch nicht etwas, das er angestrebt oder erwartet hatte. Sein 1903 veröffentlichtes Buch jedoch, in dem er der grundlegenden Frage nachging, “Wie fühlt es sich an, ein Problem zu sein?” und in dem er sich von einer akuten, historischen Gewissheit leiten ließ, wo die “Farblinie” zu einem grundlegenden Thema der politischen Kultur im 20. Jahrhundert werden würde, führte den jungen Gelehrten jedoch unaufhaltsam in Richtung dieses Schicksals. Es ist immer noch ein Buch, das wir heute lesen, ein grundlegendes Werk in jeder Dissidentensammlung, zu der Achille Mbembe auch so einen bemerkenswerten Beitrag geleistet hat. Einige Jahre später gab es mit der Veröffentlichung von Aimée Césaires “Zurück ins Land der Geburt”, ein weiterer Text mit einer komplizierten Veröffentlichungsgeschichte, ein zweites relevantes Beispiel für eine ähnliche kulturelle und politische Dynamik. Ich bin überzeugt, dass Professor Mbembe ein außerordentliches Werk verfasst hat, das ihn in genau diese Richtung befördert. Sein gehaltreiches und nützliches Buch wird ihm zweifellos viele Gelegenheiten bieten, eine Führungsrolle zu übernehmen. Bereits lange vor seinem Erscheinen in englischer Sprache hat es die an ihn gestellten Erwartungen erhöht, nicht nur für das schwarze Leben in mehreren Teilen der Welt zu sprechen, sondern ihn auch mit der schwierigeren Aufgabe konfrontiert, der schwächer werdenden Solidarität zwischen diesen Orten und Menschen in einer Zeit Ausdruck zu verleihen, in der ihre unterschiedlichen Schicksale – innerhalb und außerhalb der Festungen der Überentwicklung – sich auseinanderzubewegen scheinen.

Es ist nicht lange her, dass Hans-Georg Gadamer als erster eine neue Rolle für Intellektuelle definierte, die über ihre moderne Aufgabe als Gesetzgeber hinausging. Er schlug vor, dass sie verantwortungsvoll auf ihr modernes Dilemma reagieren könnten, indem sie sich spezielle Kenntnisse in der kulturellen Übersetzung aneigneten. Sie könnten Dolmetscher werden, die in der Lage sind, sich zwischen mehreren, gegensätzlichen Welten zu bewegen. Mbembes Beispiel ist ein Fall dieser beruflichen Neuorientierung, obwohl sie in einer komplett anderen politischen Geographie stattfindet als diejenige, die Gadamer vor Augen hatte, und sie funktioniert in einem erweiterten Maßstab, den er und seine verschiedenen Gesprächspartner nicht hätten antizipieren können. Hier ist Afrika omnipräsent, auch wenn es zunehmend vielfältiger wird.

Bevor ich detaillierter auf die Argumente in Mbembes Text eingehe, möchte ich der historischen Bildung des herausragenden Autors Anerkennung zollen und sie einordnen. Die Bilanz seiner akademischen Errungenschaften und seine früheren herausragenden und einflussreichen Publikationen müssen am heutigen Abend sicher nicht im Detail wiedergegeben werden. Stattdessen erscheint es mir unbedingt geboten, das Ausmaß genau der Entfremdung zu betonen, die er so auffallend zu einem interpretativen Vorteil gemacht hat. In seinem Fall war diese Entfremdung sowohl prägend als auch wiederholt. Er wurde zunächst eines Internats verwiesen, was einen negativen Eindruck auf seiner Vorstellungskraft hinterlassen hat. Er zog von Kamerun nach Frankreich, wo er 1989 seinen Doktortitel erhielt. Er besuchte die Eliteuniversitäten in den Vereinigten Staaten, von denen aus er seinen Weg über Senegal nach Südafrika fand. Dort, inmitten schwieriger beruflicher und politischer Umstände für einen Ausländer mit Aufenthaltsgenehmigung, richtete er sich ein neues Zuhause und ein neues Leben ein. Von Südafrika aus hat er begonnen, die ganze Welt in einem zunehmend unverwechselbaren Tonfall anzusprechen. Er hallt wider von dem umkämpften, ausdrücklich südlichen Dilemma, von dem aus er seine unnachahmlichen Worte der Weisheit an uns richtet.

Diese mutigen Diskussionsbeiträge haben eine Reihe von unverwechselbaren Botschaften. Sie sind auf die unmittelbaren Schwierigkeiten übertragen worden, die in diesem mit Problemen belasteten Heimatland seiner Wahl sichtbar sind, das, dank dem Kampf gegen die Apartheid, so lang ein moralisches Zentrum der Weltpolitik war. Sie sind vorausblickend im Namen des afrikanischen Kontinents gesprochen worden, der einmal wieder ein Objekt verstärkter geopolitischer Interessen ist. Sie sind höflich und respektvoll als Korrektiv für provinzielle Debatten angeboten worden, die ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten nahmen, die noch immer viele ihrer Codes und Gewohnheiten in puncto Rasse mit beklagenswerten Ergebnissen in die übrige Welt exportieren. Aber, was am wichtigsten ist heute Abend, die treffenden Worte von Mbembe sind auch an Europa gerichtet worden, wo die Legitimität der Beiträge der Anti-Rassismus-Bewegung zur Verteidigung und Erneuerung der abklingenden Demokratie in der jüngsten Vergangenheit aus verschiedenen Quartieren angegriffen wurde und wo die Figur des Muslim auf katastrophale Weise rassifiziert worden ist, überwacht von einem in Entstehung begriffenen und oft fremdenfeindlichen Sicherheitsapparat.

Die Heimatlosigkeit oder das Umherziehen, die das intellektuelle und politische Projekt von Mbembe geprägt haben, werden in seinem Buch nicht näher benannt, bieten aber dennoch die Voraussetzungen, die es überhaupt erst möglich gemacht haben. Dieser Text zeugt von einer kosmopolitischen, oder, um es präziser auszudrücken, einer planetaren Perspektive, die neue Universalien beschwört und uns einlädt, uns fantasievoll mit der Entstehung neuer Welten auseinanderzusetzen, in denen das Schema von Rassen und Körpern nicht mehr das ist, was es war und in dem der schwierigen, oft unmöglich erscheinenden, reparativen Aufgabe nachgegangen werden kann, die Auswirkungen der Rassenordnung aufzuarbeiten.

Die Sophisterei und Mystifikation, die einen so großen Teil der Ausdünstungen des postkolonialen Diskurses, der von nordamerikanischen Universitäten ausging, geprägt hat, finden bei Professor Mbembe keinen Anklang. Stattdessen hat ein ständiger Fluss von philosophisch fundierten Erkenntnissen, die strategisch an der Schnittstelle zwischen den anglophonen und frankophonen Kulturen vorgebracht wurden, die Bandbreite seiner Interessen enthüllt, während seine multi-disziplinäre Perspektive dem weitläufigen öffentlichen Bereich Afrikas eine einzigartige, entschiedene Stimme verliehen hat, die im Rahmen des unmittelbaren Gebots der Fürsprache genauso angenehm ist wie im Rahmen der Dekonstruktion und Kritik an der Metaphysik weißer Vorherrschaft.

Mbembes Buch widersetzt sich der einheitlichen Perspektive einer Ära, die sich zunehmend historisch selbst über die Idee versteht, dass das Ausüben von Kritik überflüssig geworden ist, und versucht, die Bedeutung des Denkens in puncto Rassen und in puncto der Gewohnheiten von Rassen bei der Entstehung Europas und der Eroberung des gesamtamerikanischen Kontinents sowie bei der blutigen Unterwerfung Afrikas zu erklären. Sein historischer Teil ist die Geschichte eines Philosophen, der seiner reichhaltigen Synthese eine begleitende Skizze der Genealogie schwarzer Überlegungen über die Stationen der Sklavenbaracken und Sklavenschiffe, über zahllose Rebellionen und Aufstände zur leidigen Phase der Dekolonialisierung und dann über sie hinaus zu unseren eigenen traurigen Umständen, die von Neokolonialisierung und scheinbar endloser asymmetrischer Kriegsführung geprägt sind, entgegensetzt.

Aus dieser Perspektive sind die vielen Probleme, die durch die Institutionalisierung von Rassehierarchien und die verschiedenen theoretischen und philosophischen Diskurse entstanden sind, die sie gerechtfertigt haben, keine sekundären Themen. Sie sind keine dekorativen oder nachträglich aufgesetzten Zusätze, die den globalen Mechanismus der kapitalistischen Ausbeutung und des unstillbaren Wachstums lediglich ausgestalten. Mbembe schlägt vor, dass diese Probleme als konstitutive Kräfte anerkannt werden müssen, die unsere Welt immer noch prägen und ausmachen. Obwohl die Rassenlehre gemeinsam mit regierungspolitischen, rechtlichen, ästhetischen, wissenschaftlichen und militärischen Prozessen geäußert worden ist und in dem gordischen Knoten der Moderne verstrickt ist, haben sie ihre eigene Geschichte und Geschichtlichkeit, die – und das ist der wichtigste Punkt – wir alle heute kennen müssen.

Im Rahmen dieser kühnen Provokation kehrt Mbembe implizit zur anspruchsvollen Definition der “Black Studies” zurück, die unserer Zeit von dem trinbagonischen Universalgelehrten CLR James hinterlassen wurde, der in der anglophonen Welt zumindest als eine oberlehrerhafte Figur funktioniert – eine Art schwarzer Plato. James bestand darauf, dass es unerlässlich sei zu vermeiden, “über Black Studies zu sprechen, als seien sie etwas, das [nur] Schwarze betrifft”. Dieses Ergebnis, fuhr er fort, wäre “eine absolute Verleugnung”. Er kommt zu dem Schluss: “Es handelt sich um die Geschichte der westlichen Zivilisation. Ich kann es nicht anders betrachten. Es handelt sich um die Geschichte, die Schwarze und Weiße und alle ernsthaften Studenten der modernen Geschichte und der Geschichte der Welt kennen müssen. Zu sagen, es handele sich um eine Art ethnisches Problem, ist jede Menge Unsinn.”

Achille Mbembe ergänzt die alte humanistische Weisheit von James mit einem aktuellen Bekenntnis. Er bietet uns ein neues konzeptuelles Vokabular, das jenseits der abgenutzten Rhetorik funktioniert, die die Literatur der Dekolonialisierung in ihrer Anfangsphase und während des Kalten Kriegs gekennzeichnet hat. Dieser notwendige zusätzliche Schritt verfährt durch eine Entmythologisierung des Weißseins und zielt darauf ab, wie es der herausragende Analytiker der Dekolonialisierung, Frantz Fanon, vorschlägt, unser Leben als Spezies zu retten, als Wiederaufnahme der Menschlichkeit angesichts ihres Verlusts durch die Arbeitsweise jeder und aller Rassenordungen.

Die Verbindung zu Dr. Fanon und seinem Archiv geht tief. Ein wichtiger Teil von Mbembes Strategie besteht darin, die gigantische Figur des ungeduldigen, revolutionären Psychiaters aus Martinique, der zu lange falsch gedeutet, diskreditiert und übersehen worden ist, im französischen Gemeinwesen und im französischen intellektuellen Leben wiederherzustellen. Der existenzielle Beigeschmack des Jugendwerks von Fanon entspricht vielleicht nicht dem Geschmack von Mbembe, aber er teilt die Ethik der verkörperten Neugier und das Bekenntnis zur kreativen Erfindung eines “neuen Humanismus” des älteren Manns. Dieses Gefüge kann nur außerhalb der epidermalisierten Interaktion und in starkem Kontrast zur entfremdenden Kraft des Schemas von Rasse und Körper existieren, das noch von einer wirklichen Dialektik zwischen dem Körper und der Welt überholt werden muss.

Diese Hoffnungen hören sich in unserem politischen Umfeld utopisch an, das derzeit von Ausbeutung und Verschuldung geprägt ist, von sowohl schneller als auch langsamer Gewalt, die nicht so sehr postkolonialer, sondern neokolonialer und neoliberaler Natur ist. Diese Unstimmigkeit hat Achille Mbembe jedoch nicht entmutigt. Er bleibt entschlossen, die schwierigsten Fragen zu den Auswirkungen dieses sich beschleunigenden Wandels des vernetzten Nomos auf unserem kränkelnden Planeten zu stellen. Die deutliche Auseinandersetzung seines Buchs mit der Wiederherstellung und Erweiterung der Demokratie, die überall durch ihre Trennung vom Kapitalismus gefährdet wird, ist umso wichtiger, da sie vom globalen Süden ausgeht, in Richtung dessen sich die Symptomatik der Überentwicklung hinzuentwickeln scheint. Dieses Zusammentreffen ist nicht so düster wie es anfangs erscheint. Was diese organische und langwierige Krise zu einer bedeutenden Chance macht, ist das beispiellose Bekenntnis Mbembes zur geduldigen Arbeit der Bildung und den Versprechen einer neuen Art des Lernens und der Entwicklung, das so gestaltet ist, dass ein neuer Satz institutioneller Gewohnheiten gefördert wird, durch den die Universität selbst erneuert werden könnte. Diese hoffnungsvollen Spekulationen sind wiederum durch die nachhaltige Kritik am Rassismus und an Rassenordungen erlaubt. Es ist diese kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die die befreiende Chance ermöglicht, heute gemäß neuen Bedingungen und in einer neuen Zeit zu leben, also mit Blick auf eine gemeinsame Zukunft. Der Prozess, der vor sechzig Jahren zu Fanons verlockend unterentwickelter Idee der Auflösung der Entfremdung verdichtet wurde, wird hier in ein umfassendes Programm der bodenständigen Pädagogik aufgeschlüsselt, für den dieses Buch als Manifest dienen kann.

Die bedrückenden Auswirkungen der kolonialen Geschichte Europas wurden nie detaillierter oder katastrophaler auf seine post- und neokoloniale Gegenwart nach dem Kalten Krieg angewandt als heute. Die Nachwirkungen dieser vergangenen Zeit der globalen Vormachtstellung sind noch immer in der zeitgenössischen europäischen Kultur spürbar. Diese abnehmenden Widerhalle sind zum Beispiel im ultra-nationalen und fremdenfeindlichen Rassismus spürbar, der die verschiedenen Ausprägungen des Neo-Faschismus mit Leben erfüllt, die heute so schnell herangezogen werden. Aufgebrachte, wütende Stimmen schreien laut – sind jedoch noch nicht überwältigend – in verschiedenen Sprachen und aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig. Diese Überbleibsel prägen die Art und Weise, wie Diskussionen über Zuwanderung und Flüchtlinge, Sicherheit und Konflikte üblicherweise geführt werden. Diese Gespräche werden noch immer durch die Unterstellung rassischer und kultureller Hierarchie organisiert – die möglicherweise abnimmt oder auch nicht. Das kann sogar der Fall sein, wenn die ungewollten Siedler, die ausgegrenzt, kriminalisiert und überwacht werden sollen, wie einige der letzten Neuankömmlinge in die instabile und löchrige Welt der rassifizierten Identitäten hineingebeten werden können. Niemand kann sich mehr sicher sein, was das belagerte Weißsein Europas heute wert sein mag. Was jedoch für das Weißsein gilt, gilt jetzt auch für alle generischen Spezifikationen der Rassenunterschiede. Es ist die sichtbare Errungenschaft von Achille Mbembe, dass er uns eine willkommene Alternative für sie angeboten und auf die Möglichkeit nicht von alternativen Identitäten, sondern von einer anderen Welt hingewiesen hat, die konkrete Form in der befreienden Vorstellung des Menschseins erhält, die ohne die Einschränkungen definiert werden muss, die sich von allen Rassenschemata ableiten.

Professor Mbembe, wir gratulieren Ihnen zu Ihrer Weitsicht und Ihrem Mut. Wir würdigen die wissenschaftlichen Früchte Ihrer Kreativität und danken Ihnen für ein außergewöhnliches Buch.

© Prof. Paul Gilroy, Kings Collage London
Übersetzung aus dem Englischen von Martina Sohn


Es gilt das gesprochene Wort.

 

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