Preisträger 2015

Achille Mbembe

Achille Mbembe
"Kritik der schwarzen Vernunft
"


Aus dem Französischen von Michael Bischoff

Suhrkamp
Berlin 2014
332 Seiten, € 28,00
ISBN: 978-3-518-58614-3


 

Die Verleihung

Der 36. Geschwister-Scholl-Preis wurde am 30. November 2015 in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität in München an Achille Mbembe verliehen. Oberbürgermeister Dieter Reiter (rechts) und Michael Then, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V., überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde (Foto: Yves Krier). Die Laudatio hielt Prof. Dr. Paul Gilroy (King's Collage London).

Zu Beginn seiner Laudatio stellt Paul Gilroy Achille Mbembes Buchauf eine Stufe mit den Werken von W.E.B. Du Bois "Die Seelen der Schwarzen" und Aimeé Césaire "Zurück ins Land der Geburt"."Ich bin überzeugt," so Paul Gilroy "dass Professor Mbembe ein außerordentliches Werk verfasst hat, das ihn in genau diese Richtung befördert. Sein gehaltreiches und nützliches Buch wird ihm zweifellos viele Gelegenheiten bieten, eine Führungsrolle zu übernehmen. Bereits lange vor seinem Erscheinen in englischer Sprache hat es die an ihn gestellten Erwartungen erhöht, nicht nur für das schwarze Leben in mehreren Teilen der Welt zu sprechen, sondern ihn auch mit der schwierigeren Aufgabe konfrontiert, der schwächer werdenden Solidarität zwischen diesen Orten und Menschen in einer Zeit Ausdruck zu verleihen, in der ihre unterschiedlichen Schicksale – innerhalb und außerhalb der Festungen der Überentwicklung – sich auseinanderzubewegen scheinen. [...] Aber, was am wichtigsten ist heute Abend, die treffenden Worte von Mbembe sind auch an Europa gerichtet worden, wo die Legitimität der Beiträge der Anti-Rassismus-Bewegung zur Verteidigung und Erneuerung der abklingenden Demokratie in der jüngsten Vergangenheit aus verschiedenen Quartieren angegriffen wurde und wo die Figur des Muslim auf katastrophale Weise rassifiziert worden ist, überwacht von einem in Entstehung begriffenen und oft fremdenfeindlichen Sicherheitsapparat."

Paul Gilroy schließt seine Rede mit folgenden Sätzen: "Die bedrückenden Auswirkungen der kolonialen Geschichte Europas wurden nie detaillierter oder katastrophaler auf seine post- und neokoloniale Gegenwart nach dem Kalten Krieg angewandt als heute. Die Nachwirkungen dieser vergangenen Zeit der globalen Vormachtstellung sind noch immer in der zeitgenössischen europäischen Kultur spürbar. Diese abnehmenden Widerhalle sind zum Beispiel im ultra-nationalen und fremdenfeindlichen Rassismus spürbar, der die verschiedenen Ausprägungen des Neo-Faschismus mit Leben erfüllt, die heute so schnell herangezogen werden. Aufgebrachte, wütende Stimmen schreien laut – sind jedoch noch nicht überwältigend – in verschiedenen Sprachen und aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig. Diese Überbleibsel prägen die Art und Weise, wie Diskussionen über Zuwanderung und Flüchtlinge, Sicherheit und Konflikte üblicherweise geführt werden. Diese Gespräche werden noch immer durch die Unterstellung rassischer und kultureller Hierarchie organisiert – die möglicherweise abnimmt oder auch nicht. Das kann sogar der Fall sein, wenn die ungewollten Siedler, die ausgegrenzt, kriminalisiert und überwacht werden sollen, wie einige der letzten Neuankömmlinge in die instabile und löchrige Welt der rassifizierten Identitäten hineingebeten werden können. Niemand kann sich mehr sicher sein, was das belagerte Weißsein Europas heute wert sein mag. Was jedoch für das Weißsein gilt, gilt jetzt auch für alle generischen Spezifikationen der Rassenunterschiede. Es ist die sichtbare Errungenschaft von Achille Mbembe, dass er uns eine willkommene Alternative für sie angeboten und auf die Möglichkeit nicht von alternativen Identitäten, sondern von einer anderen Welt hingewiesen hat, die konkrete Form in der befreienden Vorstellung des Menschseins erhält, die ohne die Einschränkungen definiert werden muss, die sich von allen Rassenschemata ableiten. "

In der Dankesrede von Achille Mbembe heißt es:"Zuerst sei gesagt, – und das darf man nie vergessen – dass der funktionierende Einsatz von Kapital seit jeher von seinen Ursprüngen an auf der Unterscheidung von Rassen fußt.  Im Grunde diente Kapital schon immer nicht nur der Herstellung von Waren, der Erleichterung des Handels und der Anhäufung von Gewinnen, sondern auch der Produktion von Rassen, der Definition menschlicher Arten und Unterarten; kurzum: der Ausübung eines Monopols über die Produktion von Leben als solchem. [...]

Ich stamme nicht aus Südafrika. Doch dieses Buch hätte ich nirgendwo sonst schreiben können. 
Afrika ist meine Heimat und nirgendwo auf diesem riesenhaften Kontinent fühle ich mich fremd.
Seine Geschichte ist untrennbar mit der der Welt verbunden. Tatsächlich gibt es keinen Fleck auf der Erde, der nicht ein Stück Afrika, Spuren der Afrikaner, in sich trägt. Und zugleich gibt es keinen Fleck in Afrika, der nicht die Last der ganzen Welt, ihr Leid, aber auch ihren Segen verspürt.
Man könnte gar sagen, das Schicksal unseres Planeten entscheide sich in Afrika, dem großen Weltlaboratorium unserer Zeit.
Von Anfang an wollte ich mit Kritik der schwarzen Vernunft diese Realität sichtbar machen und zugleich die Verheißung aufzeigen, dass Afrika wieder zu seinem eigenen Zentrum finde, wieder zu einem großen, lebendigen Lebensraum werde, der allen und jedem offensteht, und mit dem Rest der Welt gleichzuziehen vermöge.
Der Geschwister-Scholl-Preis bestärkt mich in meiner Hoffnung. Afrika muss nun den Blick auf das Neue richten. Es muss zur Tat schreiten, um zum ersten Male etwas bisher Unmögliches zu vollbringen. Und dies muss in dem Bewusstsein geschehen, dass dabei für Afrika und die gesamte Menschheit neue Zeiten anbrechen."

Begründung der Jury

Der aus Kamerun stammende, in den Vereinigten Staaten ausgebildete, heute in Südafrika lebende Historiker und Philosoph hat mit seiner Kritik der schwarzen Vernunft nicht weniger vorgelegt als eine Neuvermessung der Geschichte des Kapitalismus und der Globalisierung. Seine Hauptthese in diesem kraftvoll geschriebenen Buch lautet, dass die globalen Waren- und Kapitalströme ohne die Etablierung einer Asymmetrie zwischen den Weltteilen nicht möglich gewesen wäre. Diese Asymmetrie freilich wurde nicht abstrakt hergestellt, sondern durch eine „schwarze Vernunft“, durch die Erfindung des Schwarzen, des „Negers“ als einer pejorativen, ja schwarzen Figur, die die Augenhöhe einer Idee der Menschheit in toto unmöglich macht. Mbembe zeigt, dass der Rassismus keine normative Abweichung von der europäischen Aufklärung darstellt, sondern eines ihrer konstitutiven Momente darstellt.

Die Lektüre von Mbembes Buch ist bisweilen verstörend – verstörend in der Konsequenz, die der Autor in seine Argumentation bringt. Es wird dem westlichen Leser mit seinen eigenen Mitteln vorgeführt, wie die konstitutive Hierarchie zwischen dem Schwarzen und dem Menschen das letztlich europäische Konzept des Menschen ad absurdum führt.

Mbembes Hinweise auf die „Afrikanisierung“ unterschiedlicher Weltteile könnte aktueller nicht sein. Das Buch kommt genau zur rechten Zeit: Es schärft den Blick auf eine globalisierte Weltgesellschaft, die nicht nur Waren und Kapital verschiebt, sondern auch Menschen und Arbeitskraft. Vielleicht ist dieser Hinweis auf die „Afrikanisierung“ der Welt auch ein Hinweis an Europa, mit seinen eigenen Versprechungen gegen die eigenen Praktiken ernst zu machen.

Somit gelingt es Achille Mbembe ein Werk vorzulegen, das von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben.

 

Der Preisträger

Achille Mbembe

Achille Mbembe, geboren 1957, ist ein kamerunischer Historiker und politischer Philosoph. Er zählt zu den Vordenkern des Postkolonialismus. Mbembe lehrt nach Stationen an der Columbia University, der University of California in Berkeley, der Yale University und der Duke University heute an der University of the Witwatersrand in Johannesburg.

© Yves Krier  

 

 

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