Geschwister-Scholl-Preis 2015 - Achille Mbembe

Dankesrede von Achille Mbembe

Lassen Sie mich Ihnen allen sagen, wie sehr ich mich freue, heute hier in München, dieser wunderbaren Stadt, und besonders in ihrer Universität sein zu dürfen. Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrter Herr Präsident der LMU, zunächst möchte ich Ihnen für Ihren warmherzigen Empfang danken. Ihre Anwesenheit hier und heute ehrt mich zutiefst.
Mein besonderer Dank gilt zudem der Jury des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, die mich in den großen Kreis hochrangiger Dichter und Denker, die vor mir den Geschwister-Scholl-Preis erhalten haben, aufgenommen hat.
Auch all‘ den deutschen Institutionen, die ihren Beitrag zu heutigem feierlichen Anlass geleistet haben, sowie dem Suhrkamp-Verlag und dem Übersetzer meines Werkes möchte ich aufrichtigst danken.
Meine Ehefrau, Professor Sarah Nuttall, der ich so viel verdanke, ist am heutigen Tage an meiner Seite.  Wie diejenigen von Ihnen, die einen Blick hinein geworfen haben, wissen, habe ich Kritik der schwarzen Vernunft“ ihr gewidmet. Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, wie hoch ich in ihrer Schuld stehe – eine unendliche, vielartige Schuld, die ich in meinem Leben nicht mehr begleichen können werde.
Erlauben Sie mir darüber hinaus, ein Wort an Paul Gilroy und Vron Ware zu richten.
Ich trage Paul und seine Familie in meinem Herzen wie ein kostbares Geschenk. Inmitten des Chaos‘ unserer Zeit und vor dem Hintergrund der Geschichte von Menschen mit afrikanischen Wurzeln in der Welt war und ist Paul vielen von uns immer eine unerschöpfliche Inspirationsquelle, ein Grund zur Hoffnung und zur Freude.
Auf das Buch, das heute geehrt wird, möchte ich nur in einigen wenigen Worten eingehen, dies aber ganz im Geiste von Hans und Sophie Scholl.


Zuerst sei gesagt, – und das darf man nie vergessen – dass der funktionierende Einsatz von Kapital seit jeher von seinen Ursprüngen an auf der Unterscheidung von Rassen fußt.  Im Grunde diente Kapital schon immer nicht nur der Herstellung von Waren, der Erleichterung des Handels und der Anhäufung von Gewinnen, sondern auch der Produktion von Rassen, der Definition menschlicher Arten und Unterarten; kurzum: der Ausübung eines Monopols über die Produktion von Leben als solchem.


Besonders der Kapitalismus zielte stets darauf ab, den Menschen zu einem austauschbaren Gut zu machen sowie die Grenzen zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Dinge auszuradieren. Dies gilt für den atlantischen Sklavenhandel im 16. und dem 19. Jahrhundert. Der „Prozess der Zivilisation“ hat diese Ansätze mehr schlecht als recht abgeschwächt und – mit unterschiedlich großem Erfolg – gewisse fundamentale Grenzen zwischen Menschen und Dingen aufrechterhalten, ohne die die Menschheit schlichtweg nicht existieren würde.


Im Zeitalter des Neoliberalismus brechen diese Dämme einer nach dem anderen, während zeitgleich die Verschmelzung von Kapitalismus und Animismus voranschreitet. Es ist beispielsweise nicht mehr sicher, dass ein Subjekt kein Objekt ist. Es ist nicht mehr sicher, dass nicht alles arithmetisch berechnet, verkauft und gekauft werden kann. Es ist nicht mehr sicher, dass es Werte gibt, die keinen Preis haben.

Darüber hinaus stellt das Buch die These auf, dass die systemischen Risiken und Gefahren, denen zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert ausschließlich die schwarzen Sklaven ausgesetzt waren, künftig wenn nicht die Norm, dann doch zumindest das Schicksal aller untergeordneten Menschengruppen sein wird, unabhängig von Lebensraum, Hautfarbe oder Regierungssystem.

Es macht sich daher eine „tendenzielle Universalisierung der conditio nigra“ bemerkbar. Sie ist womöglich einer der prägendsten Faktoren unserer Zeit.

Diese Universalisierung der conditio nigra geht einher mit der Entstehung bislang unbekannter imperialer Praktiken, einer Rebalkanisierung der Welt und einer zunehmenden Einteilung in Zonen. Damit werden im Grunde neue menschliche Unterarten geschaffen, die dem Vergessen, der Gleichgültigkeit, wenn nicht gar der Vernichtung geweiht sind.
Gleichzeitig werden Prozessoren sowie biologische und künstliche Organismen zum natürlichen Milieu der Wirtschaft.

In dieser Welt verschmilzt menschliche Denkarbeit mit automatischen Berechnungen, ermöglichen Instrumente Eingriffe in immer kleineren, feineren Dimensionen.

Unter diesen Bedingungen besteht Rassismus nicht mehr unbedingt in der sozialen Unterwerfung oder in der Schaffung eines Ausbeutungsobjekts, das dem Willen seines Herren gänzlich ausgeliefert ist und aus dem maximaler Nutzen gezogen werden soll. 

Der Neger von heute ist nicht mehr nur ein Mensch mit afrikanischen Wurzeln, dessen äußere Erscheinung durch die glühende Sonne, die Farbe seiner Haut geprägt ist.

Der Neger von heute ist eine untergeordnete Kategorie der Menschheit, ein überflüssiger, fast im Übermaß vorhandener Teil, der für das Kapital kaum einen Nutzen darstellt und einem Randgruppendasein und dem Ausschluss aus der Gesellschaft geweiht ist.

Derzeit entsteht eine neue conditio humana. Die Menschheit beginnt, die große Unterteilung in Mensch, Tier und Maschine, die die Moderne und den Humanismus so stark geprägt hat, hinter sich zu lassen.

Gestern noch machte Rassismus soziale Unterschiede salonfähig und sorgte dafür, dass unerwünschte Personengruppen in einen Rahmen gezwängt wurden, aus dem sie von Rechts wegen oder gar durch Anwendung von Gewalt nicht zu entkommen vermochten.

Heute entstehen neue Formen von Rassismus, die ohne den Rückgriff auf biologische Gegebenheiten Legitimierung finden. Dem Rassismus von heute genügt beispielsweise die Forderung, die Grenzen zu schließen, Jagd auf Ausländer zu machen oder Flüchtlinge in ihre Heimat zurückzuschicken. Dem Rassismus von heute genügt es, auf die Unvereinbarkeit der „Zivilisationen“ zu pochen, die Verschiedenheit der Menschenkategorien und die Unermesslichkeit aller Kulturen zu betonen oder den „anderen“ Gott zu einem falschen Gott zu erklären, einem Götzenbild, das geradezu zur Verhöhnung einlädt und das daher ohne Rücksicht auf Verluste geschändet werden kann.

In der derzeit in der westlichen Welt herrschenden Krise manifestiert sich diese Art von Rassismus als extreme Ausprägung des Nationalismus.  Sie entwickelt sich weiter, obwohl jüngste Fortschritte in der Genetik und Biotechnologie die Inhaltslosigkeit des Rassenkonzepts bestätigt haben.

Doch statt der Vorstellung von einer rassenfreien Welt neuen Auftrieb zu verleihen, lassen diese technischen Fortschritte paradoxerweise das alte Konzept der Klassifizierung und Differenzierung der letzten Jahrhunderte vollkommen überraschend wieder aufleben.

Die Gefahr einer weltweiten Apartheidisierung wird damit greifbar. Sie nimmt in dem Augenblick konkrete Gestalt an, da uns die Endlichkeit des Systems Erde und die Verflechtung der menschlichen Art mit anderen Formen von Leben stärker bewusst sind denn je zuvor.
Wie ich soeben habe anklingen lassen, droht die Apartheid, wenn wir nicht achtgeben, nicht nur unsere Vergangenheit, sondern auch unsere Zukunft zu vergiften.


Ich stamme nicht aus Südafrika. Doch dieses Buch hätte ich nirgendwo sonst schreiben können. 
Afrika ist meine Heimat und nirgendwo auf diesem riesenhaften Kontinent fühle ich mich fremd.
Seine Geschichte ist untrennbar mit der der Welt verbunden. Tatsächlich gibt es keinen Fleck auf der Erde, der nicht ein Stück Afrika, Spuren der Afrikaner, in sich trägt. Und zugleich gibt es keinen Fleck in Afrika, der nicht die Last der ganzen Welt, ihr Leid, aber auch ihren Segen verspürt.
Man könnte gar sagen, das Schicksal unseres Planeten entscheide sich in Afrika, dem großen Weltlaboratorium unserer Zeit.
Von Anfang an wollte ich mit Kritik der schwarzen Vernunft diese Realität sichtbar machen und zugleich die Verheißung aufzeigen, dass Afrika wieder zu seinem eigenen Zentrum finde, wieder zu einem großen, lebendigen Lebensraum werde, der allen und jedem offensteht, und mit dem Rest der Welt gleichzuziehen vermöge.
Der Geschwister-Scholl-Preis bestärkt mich in meiner Hoffnung. Afrika muss nun den Blick auf das Neue richten. Es muss zur Tat schreiten, um zum ersten Male etwas bisher Unmögliches zu vollbringen. Und dies muss in dem Bewusstsein geschehen, dass dabei für Afrika und die gesamte Menschheit neue Zeiten anbrechen.

Ich danke Ihnen.

© Achille Mbembe
Übersetzung aus dem Französischen von Solveig Rose

Es gilt das gesprochene Wort.


 

Die Rede ist urheberrechtlich geschützt. Wenn Sie die Rede oder Teile daraus für eine Veröffentlichung nutzen möchten, wenden Sie sich bitte an die Geschäftsstelle des Börsenvereins - Landesverband Bayern. Wir sind Ihnen bei der Klärung der Rechtefrage gerne behilflich.

 

Landenshauptstadt München Börsenverein des Deutschen Buchhandels | Bayern Literaturfest München

Börsenverein des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V.

Literaturhaus/Salvatorplatz 1, 80333 München
Tel. 089 / 29 19 42 41, Fax 089 / 29 19 42 49
info@buchhandel-bayern.de, www.buchhandel-bayern.de