Geschwister-Scholl-Preis 2015 - Achille Mbembe

Ansprache von Dieter Reiter

„Verlassen wir dieses Europa, das nicht aufhört, vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft, an allen Ecken seiner eigenen Straßen, an allen Ecken der Welt. Ganze Jahrhunderte hat Europa nun schon den Fortschritt bei anderen Menschen aufgehalten und sie für seine Zwecke und seinen Ruhm unterjocht; ganze Jahrhunderte hat es im Namen seines angeblichen ‚geistigen Abenteuers‘ fast die ganze Menschheit erstickt.“

Diese drastischen Worte stammen nicht vom heutigen Geschwister-Scholl-Preis-Träger Achille Mbembe, aber doch immerhin von einem Verwandten im Geiste, nämlich dem scharfzüngigen französischen Kolonialismus-Kritiker und Anti-Imperialisten Frantz Fanon, der heuer 90 Jahre alt geworden wäre.

Selbstredend spielt Fanon auch bei Achille Mbembes Streifzügen durch das koloniale Erbe Afrikas eine große Rolle. Gerade in diesen Tagen, in denen Europa - wie lange nicht - mit sich und seiner Verantwortung in der Welt ringt, lohnt sich ein solcher Blick zurück allemal. Und ganz besonders der auf jenen Kontinent, der aus Ländern wie Eritrea, Mali, Nigeria, Gambia und Somalia nicht wenige der Flüchtlinge beisteuert, die derzeit nach Europa strömen, um Krieg, Vertreibung, Armut und Unterdrückung zu entkommen. Europa reagiert darauf leider immer wieder mit Abschottung und Abschreckung. Und das, obwohl die Verzweiflung der Menschen so groß ist, dass sie sich offenen Auges in die Hände von skrupellosen Schleppern begeben, nur um irgendwie hierher zu gelangen. So ist das Mittelmeer zum Massengrab geworden für Tausende ertrunkener Flüchtlinge – zum Großteil Afrikaner.

Aber natürlich gibt es auch noch die anderen, die es geschafft haben ins vermeintlich gelobte Land. Die vielen, die unsere Kapazitäten an Mitgefühl und Hilfsbereitschaft, wie man uns weismachen will, schon bald überfordern werden. Diejenigen, so könnte man mit etwas Fantasie aus Achille Mbembes „Kritik der schwarzen Vernunft“ zitieren, „denen das Recht auf Rechte verwehrt bleibt; von denen man meint, sie sollten sich nicht rühren; die zu einem Leben in Einschließungsstrukturen der unterschiedlichsten Art verdammt sind – in den Lagern und Durchgangslagern […] die Vertriebenen, die Deportierten, die Ausgestoßenen, die illegalen Ausländer jeglicher Art – diese Eindringlinge und aus unserer Menschheit Zurückgewiesenen, die wir eilig loswerden wollen, weil wir glauben, dass es zwischen ihnen und uns nichts gibt, was sich zu retten lohnte, da sie für unser Leben, unsere Gesundheit und unser Wohlergehen zutiefst schädlich seien.“

Doch Achille Mbembe belässt es nicht bei Diagnose und Anklage, sondern fordert Konsequenzen und fordert dazu auf, radikal umzudenken. Und Antworten zu finden auf die Hauptfragen unserer Zeit, die Frage der Teilung, der Gemeinsamkeit und der Öffnung nach draußen. Das Gewicht der Geschichte sei nun mal da, so Mbembe, und wir müssten lernen, es besser zu tragen und die Last besser zu verteilen. Wem das als ethischer Appell noch zu vage ist, dem präsentiert Achille Mbembe am Ende seiner kämpferischen Abhandlung eine durchaus greifbare Rechnung für unseren Aufstieg auf Kosten der anderen. Und auf der stehen Reparationen, Wiedergutmachung und Entschädigung – im ökonomischen Sinn, versteht sich, und das dürfte weit mehr sein als der übersichtliche Entwicklungshilfe- Beitrag, den ein Land wie Deutschland gegenwärtig bereit ist zu leisten.

Solche Worte mögen nicht jedem gefallen, eines aber tun sie: sie zeugen von geistiger Unabhängigkeit, fördern die bürgerliche Freiheit, den moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut und geben dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse. Anders gesagt, sie qualifizieren bestens für den Geschwister- Scholl-Preis, den der Landesverband Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und die Landeshauptstadt München heuer zum 36. Mal vergeben.

Mit dem kamerunischen Historiker und politischen Philosophen Achille Mbembe und seinem Buch „Kritik der schwarzen Vernunft“ rücken dabei heuer erstmals der afrikanische Kontinent und die Folgen des europäischen Kolonialismus in den Fokus des Preises.

Dabei geht es um die Verbindung von Sklavenhandel und Ausbeutung auf der einen mit dem Aufstieg des Kapitalismus auf der anderen Seite, es geht um die Verbindung von Kolonialismus und Rassismus und es geht um unsere globalisierte Welt.

Gerade jetzt in der Flüchtlingskrise gewinnt dieses Thema eine ganz neue Dimension. So ging es den Europäern beim jüngsten Gipfeltreffen von EU und Afrika in Malta im Kern ja genau darum, sich durch Geldzahlungen die Bereitschaft der afrikanischen Staaten zu sichern, ihre Bürgerinnen und Bürger durch geeignete Maßnahmen im eigenen Land zu halten. Ob der sogenannte Notfall-Treuhandfonds der EU für Afrika, der mit 1,8 Mrd. € ausgestattet ist, allerdings tatsächlich dazu geeignet ist, „für Stabilität und zur Bewältigung der grundlegenden Ursachen illegaler Migration in Afrika“ zu sorgen, wie es dort heißt, darf bezweifelt werden. Die Hilfsorganisation Oxfam etwa beziffert allein die Afrika pro Jahr durch Steuervermeidungsgeschäfte europäischer Konzerne entgehende Summe auf rund 50 Mrd. €. Womit wir wieder bei Achille Mbembes „Kritik der schwarzen Vernunft“ und seiner Rechnung wären. Was einmal mehr die Aktualität und Brisanz seines Buches unterstreicht. Seite 6 In diesem Sinne gratuliere ich Ihnen, sehr geehrter Achille Mbembe, ganz herzlich zur Verleihung des Geschwister- Scholl-Preises 2015!

© Dieter Reiter, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München

Es gilt das gesprochene Wort.

 

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