Geschwister-Scholl-Preis 2015 - Achille Mbembe

Ansprache von Michael Then

Um es gleich am Anfang klipp und klar zu sagen, in Achille Mbembes Buch „Die Kritik der schwarzen Vernunft“ geht es um nichts weniger als um „Rassen“ und „Rassismus“. Und damit verbunden um den „Neger“. Und um die damit verbundenen Ideen und Ideologien. Nach Georges-Louis Leclerc de Buffons erster Klassifizierung der Rassen von 1749 ist der „Neger“ ein Tier, kein Mensch, böse, hässlich und wollüstig.

Insofern ist die Rückschau Mbembes auf den Sklavenhandel und die damit verbundene Meinung, dass der „Neger“ schlicht „menschliches Erz“ sei, nicht der Kehrseite der Aufklärung, sondern ihr Kern. Der transatlantische Sklavenhandel war schlicht die Wiege des Kapitalismus. Europa, damals, das Zentrum der Welt, entwickelte mit der Aufklärung das Konzept der Rassen. Das Grundprinzip war einfach, aber effektiv: Werte dich und deinesgleichen auf, und damit allen anderen ab und schließe sie aus dem Menschsein aus. Eine unheilvolle Allianz aus Begriffen und Ideen, die es aufgeklärten Menschen möglich machte, mit guten Gewissen von Freiheit zu sprechen und gleichzeitig andere auszubeuten.

Geschichte! - ist man versucht zu sagen, lange her und spätestens seit der „Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte“ 1948, im Besonderen der Artikel 2 und 4, vorbei. Wirklich? Nein, sagt Mbembe, denn auch heute gibt es Neger und der Rassismus ist immer noch eine Triebfeder des globalisierten Kapitalismus.

Nach Aussage des Kameruner Historikers und Politikwissenschaftlers ist unsere Gegenwart durch Globalisierung der Märkte, Privatisierung der Welt, Digitalisierung, eine wachsende Komplexität der Finanzmärkte und „postimperiale militärische Komplexe“ gekennzeichnet. In dieser Ordnung gibt es, so seine These, keine „Arbeitenden als solche“ mehr, sondern „nur noch Arbeitsnomaden“.

Und während „es gestern die Tragödie des Subjekts war, vom Kapital ausgebeutet zu werden, ist es heute die Tragödie der vielen, nicht mehr ausgebeutet werden zu können“. Entstanden sei ein „überflüssige Menschheit“ – die für das Funktionieren des Kapitals unwichtig geworden sei. Dies mag global betrachtet übertrieben erscheinen, angesichts der jungen Flüchtlinge aus Afrika, dem Schweigen der Herrscher afrikanischer Länder und dem Scheitern der Bemühungen aktueller Konferenzen ist Mbembes Buch aktueller denn je, und seine klugen Thesen und beunruhigenden Einsichten gehören ins Stammbuch eines jeden politisch denkenden Menschen.

Wer vom Kapitalismus redet, der kann von Rassismus und Rasse nicht schweigen, denn auch heute im 21. Jahrhundert wirken Kapitalismus und Rassismus zusammen. Aktuell baut Europa wieder Mauern gegen „die aus Afrika“ und gegen alle, die nichts haben.

Überhaupt Afrika? „Mon Amour“ mit Iris Berben oder Franz Fanon und „Die Verdammten dieser Erde“. Nach Mbembes Meinung „ist Afrika der Name eines Kontinents, von dem man immer meinte, nichts universelles könne dort entstehen. Afrikaner waren törichte Kinder. Aber Afrika ist nicht die Vergangenheit der Welt, sondern es ist wie ein Fenster. Von dort aus sieht man die Zukunft“. Insofern ist Mbembes Buch keine schwarz-weiße Täter-Opfer-Geschichte, sondern vielmehr ein Raum für handelnde Subjekte. „An der Frage der Selbstregierung der afrikanischen Staaten entscheidet sich alles“, so der Autor, „denn, wer sich nicht selbst regieren kann, den braucht man nicht anzuhören. Der hat kein Gesicht, der hat keine Worte.“

Damit einher geht die Angst des Autors, dass die ganze Welt schwarz werden könnte, in dem Sinne, dass durch die Knappheit der Mittel, durch extreme Armut die Menschen jeder Selbstbestimmung beraubt sein könnten und nur noch Zwängen folgten oder Phrasen und Versprechungen.

Dem hält er eine Vision entgegen: Eine Menschheit jenseits der Rassen. Ohne Europas Idee der Gleichheit lässt sich die Zukunft nicht denken, auch wenn die Idee auf dem Rücken von Sklaven entwickelt wurde, hat sie gleichzeitig dazu beigetragen die Sklaverei zu überwinden. Europas Gleichheitsgedanke, galt nicht für jeden, auch wenn ihn die ganze Welt hören konnte. Und das liberale Europa hat, um seine Dynamik zu entfalten, immer die Angst als Triebkraft gebraucht; vor den anderen. Das andere war und ist das Wort Neger, denn es bezeichnet keine Farbe, sondern eine Demütigung, die aus einer Sorte Menschen aufgrund der Rasse, eine Ware macht. Es geht immer wieder um Worte, Begriffe, Gedanken und Ideen.

Der Begriff „Neger“ steht heute für Menschen, die restlos ausgebeutet und unterworfen werden dürfen, weil sie als radikal „anders“ verstanden oder phantasiert werden.

„Wenn jeder wartet, bis der andere anfängt, wird keiner anfangen!“ Dieser Satz stammt aus den Flugblättern der Geschwister Scholl. Er ist immer noch oder wieder aktuell; angesichts von Krieg, Flucht und Asylsuchenden muss heute jeder für sich nachdenken, was das heute sagt, und wozu das heute verpflichtet – das gilt für uns, die Politik – für uns Alle, gleich welcher Hautfarbe oder Religion. Sehr geehrter Achille Mbembe, wir zeichnen sie heute für Ihre „Kritik der schwarzen Vernunft“ mit dem Geschwister-Scholl-Preis 2015 aus. Ihr Buch ist Geschichte und Analyse der Gegenwart in einem, Geschichte der Vernunft und Analyse des Fortwirkens ihrer „Nachtseite“, der mit dieser Geschichte untrennbar verbundenen Exklusion und Gewalt.

Ihr großer Essay ist ein Weckruf, für eine bessere Welt, die den afrikanischen Völkern endlich Gerechtigkeit und Zukunft bringen soll. Die Wirklichkeit auf Lampedusa, auf dem Mittelmeer, in Nigeria, in Burundi, Mali, Somalia und bei uns zeigt: Ihr Buch ist nötiger denn je.

Sinn und Ziel des Geschwister-Scholl-Preises ist es, jährlich ein Buch jüngeren Datums auszuzeichnen, das von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben.

Ist Achille Mbembes „Die Kritik der schwarzen Vernunft“ ein mutiges Buch?

Ja, denn die Schere zwischen Arm und Reich wird mit jedem Tag größer. Den damit verbundenen Rassismus zu benennen, erfordert Mut, angesichts der Macht des Kapitals und der sog. „Bedrohung Europas“. Das Buch hält uns allen den Spiegel vor, dass Rassismus eine tief ins europäische Denken eingebrannte Art zu Denken ist, getragen von dem „gewaltigen Willen zu Unwissenheit“. Dieses „Nicht wissen wollen“ steckt so tief in uns, dass wir es nicht einmal bemerken. Lediglich das sog. N-Wort nicht mehr zu verwenden reicht nicht aus.

Regt es zum Nachdenken an? Ja, denn wie schnell gebrauchen wir Begriffe, ohne darüber nachzudenken, wie schnell sprechen wir von „wunderbaren Negern“ oder von „Afrika als einem Land“. Darüber hinaus verweist der Essay auf weitere Lektüre, die zum Nachdenken anregt. Bei mir steht auf der Liste Franz Fanons „Schwarze Haut, weiße Masken“ und „Die Verbannten dieser Erde“, Aimé Cesairés Gedichte, die Bücher des Nobelpreisträgers Wole Soyinka, Jenny Erpenbecks aktueller Roman und natürlich die beiden Vorgängerbücher unseres Preisträgers, die leider noch keinen deutschen Verlag gefunden haben: „De la postcolonie“ (2000) und „Sortir de la grande nuit“ (2010), die ganz eng mit der „Critique de la raison negre“ verwoben sind.

Fördert Mbembes Buch die geistige Unabhängigkeit? Was würdest du tun? Diese Frage steht hinter allen Preisträgern und verweist immer wieder auf die Namensgeber des Preises. Darum stellt auch Mbembes Buch die Frage: Was können wir tun, damit Afrikaner Menschen mitten in der Welt sind, nicht am Rande?

Wir können das Buch zu allererst weiterempfehlen, verbunden mit der Hoffnung, dass möglichst viele Menschen dieses Buch lesen werden, gerade weil es unbequeme Gedanken formuliert. Oder wie heißt es in dem Gedicht „Wer meine Gedanken kauft“ des nigerianischen Lyrikers Dennis Chukude Osadebay:

Wer meine Gedanken kauft,
kauft keinen Honigtopf
nach jedermanns Geschmack.
Er kauft das Pochen
Der Seelen von Millionen,
die hungrig nackt und krank
sich sehnen, fordern, warten.

Wer meine Gedanken kauft,
kauft keinen falschen Schein
von Götzen und Orakeln.
Er kauft die Gedanken
Rastloser Jugend
Die zwischen Kulturen
Prüft und fragt und wählt.

Sehr geehrter Achille Mbembe im Namen aller Anwesenden darf ich Ihnen herzlichst zum Geschwister-Scholl-Preis 2015 gratulieren.

 

© Michael Then, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e.V.

Es gilt das gesprochene Wort.

 

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