Geschwister-Scholl-Preis 2016 - Garance Le Caisne

Ansprache von Dieter Reiter

vertreten durch Dr. Hans-Georg Küppers

Ich begrüße Sie zur Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises 2016, den wir gemeinsam mit dem Landesverband Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels heuer zum 37. Mal vergeben. Ein allzu euphorischer Einstieg verbietet sich dabei schon deshalb, weil es auf der Welt derzeit wohl keinen Konflikt gibt, dessen Schauplätze so oft als „Hölle auf Erden“ bezeichnet wurden, wie den syrischen Bürgerkrieg. Das Leiden der Menschen etwa in der umkämpften Stadt Aleppo, aber keineswegs nur dort, ist eine absolute Katastrophe und die Unfähigkeit der internationalen Gemeinschaft, es auch nur ansatzweise zu lindern, eine Schande.

Schon die Bilder und Nachrichten der tagtäglichen Gräuel dieses furchtbaren Gemetzels rufen in uns blankes Entsetzen hervor. Doch der syrische Diktator Baschar al-Assad legt neben all seiner Brutalität auch noch einen menschenverachtenden Zynismus an den Tag, der einem fast den Glauben an die Menschheit raubt. Denn während das Land auf der einen Seite in Strömen von Blut versinkt, bewirbt das syrische Tourismusministerium unter anderem Aleppo mit entsprechenden Propagandavideos doch allen Ernstes als Urlaubsziel. Das Ganze gehört offenbar zu einer breit angelegten Kampagne des Regimes, um Normalität vorzugaukeln und sich als Herr der Lage zu präsentieren.

Die Hölle auf Erden herrscht in Syrien aber nicht nur da, wo Fassbomben auf Krankenhäuser und Schulen geworfen werden, um die Zivilbevölkerung gezielt zu terrorisieren, sondern auch in den Folterkammern des Regimes. Nichts anderes nämlich sind die Gefängnisse des Landes, in denen Kritiker der Regierung schon seit Jahrzehnten brutal misshandelt und zum Schweigen gebracht werden.

Erst kürzlich hat Amnesty International dazu einen schockierenden Bericht veröffentlicht. Darin prangert die Menschenrechtsorganisation Folter, Mißhandlungen und katastrophale Haftbedingungen in syrischen Gefängnissen an. Auf mehr als 17.000 Tote beziffert Amnesty die entsprechenden Opfer seit Beginn des „Arabischen Frühlings“ 2011. Wobei die meisten der Häftlinge nicht einmal Soldaten oder Kämpfer einer Miliz waren, sondern friedliche Demonstranten, Studenten und Oppositionelle, deren einziges „Vergehen“ es war, gegen den alleinigen Machtanspruch des herrschenden Systems zu protestieren.

Der Report von Amnesty International nennt im Rahmen seiner Beweissammlung auch die mehr als 50.000 außer Landes geschmuggelten Fotos des ehemaligen syrischen Militärfotografen mit dem Decknamen „Caesar“, der Pate und Rede stand für das hier und heute ausgezeichnete Buch „Codename Caesar. Im Herzen der syrischen Todesmaschinerie“. Geschrieben hat es die französische Journalistin Garance Le Caisne, die den 2013 nach Europa geflohenen Syrer ausfindig gemacht und interviewt hat. Seine Aufgabe war es, die Leichen der in den syrischen Haftanstalten getöteten Gefangenen zu fotografieren und die Bilder anschließend zu archivieren.

Die unübersehbaren Spuren von Folter und Gewalt ließen den Fotografen nicht mehr los. Und damit reifte in ihm die Entscheidung, diese himmelschreiende Barbarei an die Weltöffentlichkeit zu bringen. Dazu hat er die Bilder heimlich kopiert, aus den Kerkern des Assad-Regimes herausgeschafft und unter Lebensgefahr ins Ausland gebracht. 2014 wurden sie dann ins Internet gestellt und unter anderem von der Internationalen Syrien-Ermittlungskommission der Vereinten Nationen als echt bestätigt. Der Aufschrei der Welt war laut, aber kurz.

Garance Le Caisne haben wir es zu verdanken, dass der Stachel im Fleisch der Staatengemeinschaft dennoch weiter schmerzt. Dank ihrer Entschlossenheit und Beharrlichkeit liegen die Dokumente von Caesar jetzt nämlich nicht mehr nur in bildlicher Form vor, sondern auch als überaus eindringliche Reportage. Grundlage dafür waren die Mitschnitte der Gespräche mit Caesar und weitere Interviews mit ehemaligen Häftlingen der syrischen Gefängnisse.

Doch um es gleich vorwegzunehmen: Dieses Buch zu lesen ist eine psychische Belastung und die darin beschriebenen Grausamkeiten kaum zu ertragen. Doch wieviel mal mehr müssen sie denjenigen peinigen, der all die geschundenen und verstümmelten Leiber der Opfer mit eigenen Augen ansehen und im Bild festhalten musste. Umso verständlicher ist sein Verlangen danach, dass die Verantwortlichen dieser Menschenrechtsverbrechen zur Rechenschaft gezogen werden. Doch ob und wann das der Fall sein wird, kann im Moment keiner sagen. Stattdessen „geht das Spiel weiter, blutig und verrückt, zwischen den Wölfen des Todes und den Gazellen, die nach Freiheit lechzen.“ So hat es der syrische Lyriker Faraj Bayrakdar ausgedrückt, der selbst jahrelang in einer der berüchtigtsten Haftanstalten Syriens interniert war.

Trotzdem müssen immer wieder Zeichen gesetzt werden, Zeichen gegen das Vergessen, gegen die Gleichgültigkeit, gegen die schleichende Gewöhnung an den Zustand der Unmenschlichkeit. Es geht darum, zu zeigen, dass wir uns nicht abfinden werden mit einer Welt, in der Hass und Gewalt regieren und die Würde des Menschen mit Füßen getreten wird. Es geht darum, zu schreien, wo andere schweigen, selbst wenn ein Schrei nichts ändern kann, wie es der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker in seiner Hommage an die Geschwister Scholl und die „Weiße Rose“ gesungen hat. Trotz allem schwingt auch dort die leise Hoffnung mit, dass der Aufstand des Gewissens am Ende doch nicht ohne Folgen bleibt.

In diesem Sinne danke ich Ihnen, sehr geehrte Garance Le Caisne , und damit natürlich auch stellvertretend Caesar und seinen Mitstreitern ausdrücklich für Ihren engagierten Kampf für Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zum Geschwister-Scholl-Preises 2016!

© Dieter Reiter, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München

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