Geschwister-Scholl-Preis 2016 - Garance Le Caisne

Laudatio von Christoph Reuter

Er war 19, als wir ihn trafen. Ahmed, ein geflohener Soldat aus Assads Armee in Syrien, der in einer Hütte nahe der türkischen Grenze auf dem Boden saß.
Sie waren eine Gruppe von Überläufern. Jeder hatte sein Leben riskiert, um dieser Armee den Rücken zu kehren, die auf friedliche Demonstranten schoss.
Wir sollten mit Ahmed reden, sagten die anderen. Vielleicht würden wir schlau aus ihm. Denn was er erzählte, war so monströs, so unfassbar, dass selbst sie zweifelten, die sie schon so viele Gräuel gesehen hatten.
Zwei Wochen lang war Ahmeds Einheit abkommandiert gewesen zum Areal des Militärkrankenhauses in Homs. Seine Aufgabe war es, Leichen zu stapeln vom Morgen bis zum Sonnenuntergang. In Lastwagen und Krankenwagen wurden sie angeliefert. Manchmal seien es ein paar Dutzend am Tag gewesen, manchmal zwei, dreihundert.
Ahmed musste die Toten abladen und aufreihen. Dann bekamen sie eine Nummer und wurden fotografiert. Am Ende packte er sie in weiße Plastiksäcke und wuchtete diese in große Kühllaster, die abfuhren, sobald sie voll waren.
Manchmal seien nur noch Teile übrig gewesen, sagte er. Dann hätten sie versucht, je einen Kopf, zwei Arme und zwei Beine in einen Sack zu packen. Andere kamen noch bekleidet an, hatten Geld und Telefone bei sich. Nach einer Woche habe er nachts im Schlaf geredet, erzählte er im Juni 2012: „Hey, Mohammed, gib mir das Bein! Samir, ich brauche noch den Kopf.“ Einen unbeobachteten Moment Monate später nutzte er zur Flucht.

In den folgenden anderthalb Jahren haben wir noch zwei solche Geschichten gehört, präzise Schilderungen von Augenzeugen, die sich im Fall von Homs auf exakt denselben Ort bezogen: im innersten Hof des Militärkrankenhauses, und dann nach links nahe den Kühlräumen. Aber wir haben nie etwas darüber veröffentlicht. Denn wir hatten keine Beweise, keine Bilder.

 

Doch dann kam „Caesar“.
Ein Fotograf der Militärpolizei in Damaskus, der zuvor Bilder von Verkehrsunfällen und verunglückten Soldaten gemacht hatte. Ein kleines Rädchen in der syrischen Bürokratie. Dessen spätere Tat den bis heute wichtigsten Beleg liefern würde für das, was in Syriens Gefängnissen geschah und weiterhin geschieht.
Denn seit April 2011 bekam er tagtäglich neue Motive zu fotografieren: Leichen.
Verhungerte, erschossene, strangulierte, erschlagene Menschen. Die allermeisten kamen aus den Gefängnissen und Folterkellern der verschiedenen Geheimdienste. Sie wurden aufgereiht, nummeriert, von Caesar und seinen Kollegen fotografiert, in Plastiksäcke verpackt und weggefahren. Der gleiche Prozess wie in Homs. Jeden Tag, von 8 bis 14 Uhr und weiter von 18 Uhr bis zum späten Abend. Man musste fertig werden, sagt Caesar, denn „man wusste, dass tags darauf neue Leichen warten würden.“
Zwei Jahre lang fotografierte er diese Produkte eines „Tötens im industriellen Maßstab“. Unter den Opfern waren Alte, 13jährige, Muslime, Christen, selbst ein Mann, der sich zum Zeichen seiner Ergebenheit einst das Gesicht von Baschar al-Assad auf die Brust hatte tätowieren lassen.
Jeden Abend kopierte Caesar die Bilder auf USB-Sticks, die er unter Lebensgefahr herausschmuggelte. Er wollte viel früher fliehen, aber machte weiter, ermutigt, unterstützt von einem eingeweihten Freund. Denn je länger er bliebe, desto umfassender könne er Zeugnis ablegen.
„Wenn ich mir Fotos ansah“, sagt er, „sprachen sie zu mir. Viele der abgebildeten Opfer wussten, dass sie sterben würden. Ihr Mund war geöffnet, und man spürte, welche Demütigungen sie erlitten hatten. Jedes Mal, wenn ich sie betrachtete, brannten sich mir diese Gesichter ins Gedächtnis ein.“
Aber Caesar verzweifelte immer wieder vor Furcht, wahlweise von seinen Befehlshabern enttarnt oder von Rebellen als Angehöriger des Militärs verschleppt zu werden.
2013 schließlich floh er.
26.948 Aufnahmen schmuggelten er und ein winziger Kreis von Helfern außer Landes. Sie zeigen knapp 6800 Ermordete. Die Zahl ergibt sich, weil von jeder Leiche mehrere Bilder gemacht werden mussten: Kopf, Oberkörper und vor allem die Todesursache: Einschusslöcher, Strangulationsabdrücke, Brandmale, Fleischwunden, Folterspuren.
Die Fotos wurden geprüft von Forensikern des FBI, von Strafverfolgern früherer UN-Tribunale und für echt befunden.

 

Dass all diese Bilder je bekannt wurden, war nicht geplant. Aber warum wurden sie überhaupt aufgenommen? Wieso lässt ein Regime jedes Einschussloch einzeln fotografieren, wenn man die wahre Todesursache ohnehin geheim halten will und die Leichen in geheimen Massengräbern verschwinden?
Bis weit ins Jahr 2012 hinein arbeiteten die „Militärsicherheit“, der „Luftwaffengeheimdienst“, die „Staatssicherheit“ und andere Dienste vielfach noch wie früher eher gegen- als miteinander. Um in diesem komplizierten Geflecht aus Konkurrenz und Kooperation die Übersicht zu behalten, war die interne Dokumentation offenbar wichtiger als die Vertuschung.
Die Nummern und die Fotos sind ein Leistungsnachweis der konkurrierenden Todesschwadronen. Und Caesar war ihr unfreiwilliger Buchhalter für die Bilanz.
Die Herrschenden von Damaskus fühlten sich sehr sicher, dass sie nie zur Rechenschaft gezogen würden. Und wie furchtbar Recht sie damit gehabt haben, zeigen die Folgen der Veröffentlichung vor beinahe drei Jahren: Betroffenheit in Washington, in Paris - aber keine Folgen. Die französische Regierung brachte im Sommer 2014 einen Resolutionsentwurf in den Weltsicherheitsrat ein. Damit sollte der Internationale Strafgerichtshof angerufen werden. Vor der Abstimmung sagte Gérard Araud, der französische UN-Botschafter: „Wenn heute in Syrien getötet, gefoltert und vergewaltigt wird, sind diese Gräuel nicht allein eine Folge des Bürgerkriegs. Sie werden absichtsvoll verübt im Rahmen einer bewusst gewählten Politik des Terrors und der Bestrafung. (...) Der Rat wird damit zum Ausdruck bringen, dass man sich 2014 nicht mehr so verhalten kann wie 1942 oder 1994, dass er den Rückfall in Barbarei nicht dulden wird.“
Oh doch.
Auf der Sicherheitsratssitzung am 22. Juni stimmen 13 von 15 Ländern für den Entwurf. Russland und China legen ihr Veto ein. Der russische Vertreter schickt noch hinterher, das Ganze sei doch nur ein „PR-Coup“. Caesar und die anderen verzweifeln zusehends. Wozu das alles?

 

Es ist das große Verdienst der französischen Journalistin Garance Le Caisne, ihm wieder ein wenig Vertrauen wenigstens in die Öffentlichkeit zurückgegeben zu haben. Ein halbes Jahr lang hat sie ihn gesucht, hat ermittelt, hat nie aufgegeben, seine Vertrauten zu bewegen, um ihn zum Sprechen zu bringen. Bis sie eines Nachts, bei einem der zahllosen Skype-Telefonate mit seinem wichtigsten Helfer plötzlich eine unbekannte Stimme hört: „Guten Abend! Ich bin Caesar. Wenn Sie wollen, können wir uns treffen.“
Es werden viele Treffen, insgesamt 40 Stunden Interview, in denen Caesar alle Details seiner Arbeit beschreibt, Skizzen der Orte anfertigt, auf Satellitenkarten seine täglichen Wege nachzeichnet. Gleichzeitig tut er alles, um seine Identität zu schützen, selbst seine Handschrift geheim zu halten. Denn nichts hat sich geändert an den Machtverhältnissen in Damaskus. Garance Le Caisne, die seit 1990 vor allem für „Le Journal du Dimanche“ und „L’Observateur“ aus dem Nahen Osten berichtet hat getan, was viel zu wenige von uns heute noch tun: Beharrlichkeit zu zeigen, an einer Ermittlung dranbleiben, wenn es um etwas wirklich Wichtiges geht. Gewissermaßen hat sie Caesars Überzeugung, die Welt müsse doch erfahren, was geschieht, weitergeführt. Denn gerade in diesen Zeiten, in denen jeder nachplappert und verbreitet, was er auf Facebook gerade gelesen hat, ist es essentiell, wenn Journalisten fortfahren, dem Geschehen auf den Grund zu gehen.
Was Caesar gerettet hat und was die Autorin im Kontext erzählt, ist eine forensische Kostbarkeit. Es ist ein Beweis! Und ich weiß, wie schwer es ist, Beweise zu finden für das, was in Syrien geschieht. Dies ist etwas, was man nicht einfach beiseite schieben kann. Die Täter und ihre Helfer können nur auf unser Vergessen bauen. Und davor rettet Garance diesen unter Lebensgefahr ans Tageslicht gebrachten Fundus. Dafür gebührt ihr unser Dank, unser Respekt – und der Geschwister-Scholl-Preis, zu dem ich ihr von Herzen gratulieren möchte!
Ihr Buch „Codename Caesar - im Herzen der syrischen Todesmaschinerie“ liest sich wie ein Thriller. Gleichzeitig wie ein minutiöser Ermittlungsbericht, in dem auch Überlebende der Gefängnisse das Funktionieren dieser Maschinerie erklären. Eine solche Dokumentation, sagte der britische Ermittler David Crane, der Caesar befragte, „haben wir seit den Nazis und Nürnberg nicht mehr gesehen.“ Das Entsetzen beim Lesen kommt zweifach: darüber, dass so etwas geschieht. Und dass nichts geschieht, es zu stoppen.

 

Man sollte meinen, dass Deutschland mit seiner eigenen Geschichte mutiger reagiert hätte auf Caesars Enthüllungen.
Aber dem ist nicht so. Seit 2011, seit erst friedliche Demonstranten erschossen wurden, seit nach und nach alles, was die Waffenarsenale hergaben, über dem eigenen Volk abgeworfen wurde, hat die deutsche Bundesregierung den stets gleichen Satz zur Lage abgegeben: Es könne keine militärische Lösung geben.
Egal, was geschehen ist, ob Ärzte gejagt und erschossen werden, ob Sarin und Chlorgas über den Städten niedergehen oder eben ein kleiner Teil der staatlichen Tötungsmaschinerie ans Licht kommt: Es könne keine militärische Lösung geben. Man müsse reden, auch mit Assad.
Der Zynismus des deutschen Außenministers kommt daher in gesetzten Worten der Vernunft. Gewiss, am Ende muss immer verhandelt werden.
Aber wie kommen wir dahin? Assad und seine Verbündeten in Moskau und Teheran hören sich seit fünf Jahren die Bitten des Westens an, doch mit dem Morden in Syrien aufzuhören. Währenddessen tun sie nichts anderes, als die militärische Lösung für den unbotmäßigen Teil des syrischen Volkes zu vollstrecken.
Das Erschütternde ist nicht einmal, was Deutschlands Außenminister sagt. Viel mehr erschreckt einen, wie populär er damit ist.
Syrer werden gequält und getötet, weil sie die elementarsten Rechte fordern, die wir in unseren Sonntagsreden gern hochhalten. Doch sich dafür einzusetzen, dass auch Menschen drei Flugstunden entfernt diese Rechte gebühren - Fehlanzeige.
Wir sollten uns heraushalten aus allem. Das ist die Meinung der Mehrheit, und ihr folgen die Regierenden.

 

Warum berührt uns die im Februar 1943 vom „Volksgerichtshof“ angeordnete Ermordung der Geschwister Scholl bis heute?
Weil sie eine klare Antwort hatten auf die Wirklichkeit damals. Eine einfache Antwort: Dass es Unrecht ist, was geschehe. Furchtbares Unrecht. Dass die nationalsozialistischen Machthaber Unschuldige ermordeten, im Ausland wie im Inneren.
Auch Caesar hat eine einfach Antwort auf die Frage, warum er unter Lebensgefahr die Bilder kopierte: „Damit die Mörder sich verantworten müssen und verurteilt werden.“
Die Mitglieder der Weißen Rose damals haben nicht zur Waffe gegriffen, sondern: zu Flugblättern. Zur unschuldigsten Form des Widerstands.
Was nichts daran änderte, dass sie dafür umgebracht wurden.

 

Heute nun wäre es für uns vollkommen gefahrlos möglich, das furchtbare Unrecht in Syrien zu benennen, anzuprangern, ein Ende dessen wenigstens zu fordern.
Aber es interessiert uns nicht einmal mehr. Wir, die nichts zu fürchten hätten, die dank Caesar, dank Garance Le Caisne und anderen sehr genau wissen können, was geschieht - wir wollen das gar nicht mehr wissen. Das verfügbare Mehr an Informationen hat einen paradoxen, immunisierenden Effekt: Das Publikum möchte nicht mehr gestört werden in seiner heimeligen Ignoranz.
Denn wer erhebt heute die Stimme gegen Baschar al-Assads Massenmord am eigenen Volk?
Wo ist die deutsche Friedensbewegung geblieben? Deren traurige Reste immerfort nur ein Ende der amerikanischen Einmischung in Syrien fordern? Haben die sich im Land geirrt?

 

Angela Merkels Regierung hat mehr Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen als jedes andere europäische Land, das ja. Aber was tun wir Deutschen nun? Wir fürchten uns vor den Flüchtlingen, weil unter einer Millionen Syrern ja eine Handvoll Terroristen sein dürfte. Wobei Deutschland bislang mehr Terroristen nach Syrien exportiert hat als umgekehrt.
Wir haben Angst vor denen, die doch selber Angst haben. Die geflohen sind nicht vor dem unendlich verdünnten Risiko, einem Attentäter zu begegnen, sondern vor der sehr reellen Gefahr, in diesem Krieg zu sterben. Heute, nächste Woche, vielleicht in einem Monat.

 

Und auch das Morden, das systematische Auslöschen Abertausender in Syriens Gefängnissen, es geht weiter, ungestört, während wir hier sitzen, geht es weiter, einfach weiter.

 

© Christoph Reuter

Es gilt das gesprochene Wort.

 

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