Geschwister-Scholl-Preis 2016 - Garance Le Caisne

Ansprache von Michael Then

 

La vérité, meine Damen und Herren, die Wahrheit ist, wie einst Ingeborg Bachmann sagte, dem Menschen zumutbar.

Heute Abend muten wir Ihnen anlässlich der Verleihung des Geschwister Scholl Preises 2016 an die französische Journalistin Garance Le Caisne eine Wahrheit zu, die aus Bildern entstanden ist. Bilder, die Sie so schnell nicht vergessen werden.

Ein Bild, so heißt es leichthin, sagt mehr als tausend Worte. Doch für die Bilder, die ein Fotograf der syrischen Militärpolizei im August 2013 aus Syrien geschmuggelt hatte, gibt es keine Worte, denn diese Fotos sind ein Horror. „Caesar“, so der Codename des Fotografen war ein Archivar des Todes. Er fotografierte die Leichen und legte Akten über sie an.

„Ich habe Kerzenspuren gesehen. Einmal war der Abdruck einer Heizplatte zu erkennen, wie man sie benutzt, um Tee zu erhitzen. Man hatte einem Gefangenen Gesicht und Haare damit verbrannt. Manche hatten tiefe Schnitte, herausgerissene Augen, eingeschlagene Zähne, Spuren von Schlägen mit Starterkabeln. Es gab Wunden, die voller Eiter waren, als hätten sie sich infiziert, weil man sie lange nicht versorgt hatte. Manchmal waren die Leichen mit Blut bedeckt, das noch kaum geronnen war. Sie waren offenbar gerade erst gestorben.“

Akribisch führte die syrische Bürokratie Buch über die Leichen. Jede Leiche erhielt drei Nummern und wurde viermal fotografiert: Gesicht, ganzer Körper, Oberkörper, Schenkel. Caesar musste die Fotos ausdrucken, ordnen, aufkleben und abheften.

Drei Jahre, „lebte Caesar unter Todesangst“, wie Sie Madame Le Caisne, in ihrem Buch schreiben.

„Er ist kein Widerstandskämpfer. Es ist ihm nicht leichtgefallen, zu desertieren und seine Familie allein zu lassen. Er ist ein Mann, der das Unrecht nicht mehr ertragen hat und Zeugnis ablegen wollte.“

Die Veröffentlichung der Bilder sorgt 2014 weltweit für Aufsehen:

„Ich habe niemals so schlagende Beweise für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesehen. Sollte Assad also jemals zur Rechenschaft gezogen werden, dürften die Fotos entscheidende Beweise sein“, sagte Stephen Rapp, ehemaliger Ankläger des Internationalen Sondertribunals für Ruanda und Sierra Leone.

Die Wahrheit, verehrte Gäste, ist allen Menschen zumutbar.

Sie fragen sich vielleicht, wie das politische Establishment auf diese Wahrheit reagierte? China schweigt, Russland antwortet sarkastisch und die USA schweigen beleidigt. Baschar Al-Assad kann noch Anfang 2015 in einem Interview mit der Zeitschrift „Foreign Affairs“ behaupten, Caesar, den Militärfotografen habe es nie gegeben, die Fotos seien allesamt gefälscht: „Wer hat diese Fotos aufgenommen? Wer ist es? Niemand weiß es. Es sind haltlose Vorwürfe.“

Caesar taucht aus Sicherheitsgründen wieder ab und damit endet die Wahrheit der Bilder, sie werden vergessen und abgelegt.

Überhaupt, wer will schon ständig Bilder aus dem allerletzten Kreis der Hölle sehen, lebt es sich nicht besser mit der Zeile aus Alfreds Trinklied aus der Operette Die Fledermaus: „Glücklich ist, / wer vergisst, / was doch nicht zu ändern ist“?

Sie, Madame Le Caisne, wollten nicht vergessen. Sie haben, wie seinerzeit Emile Zola, „J´accuse …!“ gerufen und dem Vergessen ein eindeutiges und mutiges NON entgegengesetzt. Für sie war es, wie sie in einem Interview erklärten, "einfach undenkbar, dass dieser Mann nicht spricht, dass er nicht aussagt und eines Tages Zeugnis ablegt."

Sie haben neun Monate recherchiert, gesucht, geworben, Vertrauen aufgebaut und zu guter Letzt einen Kontakt zu Caesar gefunden.

Es ging Ihnen aber nicht um einen schnellen Scoop, um einen medialen Effekt; es ging ihnen um eine genaue Studie von Assads Verbrechen, die eines Tages hoffentlich als Grundlage für ein Verfahren vor einem internationalen Gerichtshof dienen wird. Deshalb kommen in ihrem Buch - „Codename Caesar. Im Herzen der syrischen Todesmaschinerie“- zahlreiche Zeugen zu Wort, die in den Gefängnissen des syrischen Regimes gesessen haben, um Belege zu haben für Foltermethoden und Todesarten.

Und Sie haben Caesar und seinen Bildern eine Stimme gegeben, und was für eine. Ihr Buch ist zu Recht eine Anklageschrift genannt worden. Sie zitieren Caesar mit einem Satz, der das ganze Ausmaß der Unmenschlichkeit zum Ausdruck bringt:

„Nie zuvor hatte ich so etwas gesehen. Vor der Revolution folterten die Mitglieder des Regimes, um an Informationen zu kommen. Heute foltern sie, um zu töten.“

Ihr Buch ist aber auch ein zutiefst bewegendes Dokument für die Menschlichkeit der Gefangenen untereinander. Und vor allem ein Buch gegen das Vergessen.

Niemand wüsste etwas über die Opfer, wären da nicht wenigstens die Schicksale, von denen Caesar und einige der überlebenden Häftlinge ihnen stellvertretend erzählt hatten. Sie haben die Orte, wo gefoltert wird, benannt und den Toten ein Gesicht und eine Geschichte gegeben, wie Ahmad al-Musalmani, der 2012 im Alter von nur 14 Jahren festgenommen worden war, weil er ein regimekritisches Lied auf seinem Handy hatte. Er starb ein Jahr später in Haft. Ahmads Onkel versuchte jahrelang, seinen Neffen zu finden und zahlte rund 13.000 € an Bestechungsgeldern für seine angebliche Freilassung. Schließlich erkannte er seinen Neffen tot auf einem der Bilder von Caesar.

Niemand wüsste davon, mit welcher bürokratischen Obsession ein verbrecherisches Regime seine Taten dokumentiert.

Niemand wüsste von den inneren Mechanismen der syrischen Diktatur.

Und Niemand kann nach dem Erscheinen Ihres Buches mehr sagen: „Davon habe ich nichts gewusst!“

Denn die Wahrheit ist jedem von uns zumutbar!

Eine der wichtigsten Aufgaben der Literatur ist, verehrte Damen und Herren, die Verteidigung der Freiheit und die Suche nach der Wahrheit. Darum sprechen wir heute Abend vom Mut einer Autorin, die den Sprachlosen eine Stimme gegeben hat und von der Bereitschaft eines Verlegers, jenseits von Businessplänen und Bestsellerlisten, diese Wahrheit zu Markte zu tragen. Und wir sprechen darüber, wie schwierig es ist, der Wahrheit eine Stimme zu geben; dass es der Beharrlichkeit einer Autorin wie Madame le Caisne bedurfte, damit die Wahrheit ihren Weg zu uns allen findet, auch wenn nicht jeder die Wahrheit gerne hört. Wie bedroht die Wahrheit ist, sehen wir daran, dass sie von der Politik zu oft ignoriert, vergessen, ja verleugnet wird.

Und dass sie in den digitalen Medien mit Spott und Hohn übergossen wird, ist schlicht unerträglich und nicht hinnehmbar.

Der Geschwister Scholl Preis ist immer auch eine Verpflichtung und Mahnung an uns alle, dass die Wahrheit und die Freiheit des Wortes kostbare Güter sind, die wir alle jeden Tag verteidigen und schützen sollten.

Wahr ist: Menschen verschwinden nicht einfach, sie werden in syrischen Gefängnissen systematisch zu Tode gefoltert.

Wahr ist: Die UN-Antifolterkonvention haben aktuell 160 Staaten ratifiziert, auch Syrien. Die Konvention ist völkerrechtlich verbindlich.

Laut Artikel 1 bezeichnet Folter „jede Handlung, durch die einer Person vorsätzlich körperliche oder seelische Schmerzen oder Leiden zugefügt werden, um von ihr oder einem Dritten eine Aussage oder ein Geständnis zu erlangen“.

Artikel 2 legt fest, dass jeder Vertragsstaat dafür sorgt, Folter in seinem Hoheitsgebiet zu verhindern und unter Strafe zu stellen.

Und wahr ist auch, was Caesar uns allen mit auf den Weg gibt:

„Die Wahrheit wird siegen … Ein Recht ist erst verloren, wenn keiner mehr aufsteht, dafür einzutreten.“

Im vierten Flugblatt der Geschwister Scholl lesen wir:

„Wer hat die Toten gezählt, Hitler oder Goebbels – wohl keiner von beiden. Täglich fallen in Russland Tausende. Es ist die Zeit der Ernte, und der Schnitter fährt mit vollem Zug in die reife Saat. Die Trauer kehrt ein in die Hütten der Heimat und niemand ist da, der die Tränen der Mütter trocknet, Hitler aber belügt die, deren teuerstes Gut er geraubt und in den sinnlosen Tod getrieben hat.“

Das Flugblatt schließt mit der Ankündigung:

„Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen; die weiße Rose lässt Euch keine Ruhe!“

Und so verstehe ich Ihr Buch als „böses Gewissen“ ganz im Sinne der Namensgeber dieses Preises und gratuliere Ihnen, Madame Le Caisne, im Namen aller Anwesenden sehr herzlich zu diesem Preis.

 

© Michael Then, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e.V.

Es gilt das gesprochene Wort.

 

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