Geschwister-Scholl-Preis 2017 - Hisham Matar

Dankesrede von Hisham Matar

Übersetzung Werner Löcher-Lawrence

Meine Damen und Herren, guten Abend. Ich bin gleichzeitig gerührt und überrascht, diesen Preis zu bekommen.

„Geistige Unabhängigkeit“ ist ein interessantes Kriterium für einen Literaturpreis. Indem Sie sie zu einem zentralen Moment erheben, diagnostizieren Sie eine bedeutende Gefahr, denn ist es nicht verstörend, welchen möglichen Einflussnahmen künstlerische, politische und moralische Positionen unterliegen? Vielleicht ist es kein Zufall, dass Sie sich dafür entschieden haben, den Wert geistiger Unabhängigkeit in direkte Verbindung zur Literatur zu setzen. Sie ist ein zentrales Charakteristikum dieser Kunst. Ein Buch muss seiner eigenen Melodie folgen. Genau deshalb lesen so viele von uns Bücher: wegen der Unabhängigkeit der in ihnen ausgedrückten Gedanken. Ich meine das nicht nur im offensichtlichen Sinn, dass ein literarisches Werk seiner Aussage treu zu sein hat, es muss auch sein eigenes Ende finden, frei sogar von den Absichten des Autors. Es geht also nicht nur um geistige Unabhängigkeit von den gängigen Strömungen und Zielen, dem, was wir die Manien unserer Zeit nennen könnten, sondern auch darum, und das ist vielleicht noch entscheidender, nicht für einen bestimmten Zweck eingespannt und auf ein vordefiniertes Ende hin geschrieben zu werden. Wir suchen in der Literatur, wie ich denke, ein menschliches Bewusstsein, einen Intellekt und Geist, die wir, so paradox es klingt, unvorbereitet antreffen. Wir erleben Männer und Frauen, die in ihre eigenen Überlegungen und Beobachtungen versunken sind, mit dem eigenen Herzen ringen und deren Ausdruck ihre Grenzen erweitert. Ich weiß nicht, warum wir das tun: Vielleicht, weil es uns einen Blick auf unsere wahre Natur gewährt. Ich weiß auch nicht, ob uns die Kunst zu besseren Menschen macht, aber ich glaube, sie stärkt unsere Vorstellungskraft und lässt uns dadurch womöglich toleranter werden. Und vielleicht stehen Toleranz und Vorstellungskraft in einem direkten Bezug zur geistigen Unabhängigkeit - weil wir das eine nicht ohne das andere haben können. Einer Sache bin ich mir allerdings sicher: Literatur besitzt die einzigartige Fähigkeit, das Unsagbare auszudrücken, menschliche Widersprüche und Zweifel darzustellen und zu ertragen. Wenn mir das Ihrer Meinung nach grundsätzlich gelungen ist, freut es mich aus ganzem Herzen.

Es rührt mich zutiefst, dass dieser Preis eine Verbindung zwischen meiner Arbeit und dem Gedenken an Hans und Sophie Scholl zieht. Ich habe großen Respekt vor den Geschwistern, ihrer Gewissenstreue und Integrität. Ich staune über ihr außergewöhnliches moralisches Verständnis und den festen Glauben, dass ihnen die Zukunft gehörte: dass das Deutschland von morgen ihren und nicht den von den Nazis verfochtenen Werten folgen würde. Wir müssen ihre furchtlose Standhaftigkeit und ihren Glauben an die Menschlichkeit in Erinnerung behalten. Sie und ihre Studienfreunde, und auch einige Professoren der Universität, erhoben sich, als es wirklich zählte, und ihr Mut wurde getragen von einer Zuversicht, die weder zauderte noch anmaßend war.

Deutschlands reife und selbstkritische Beschäftigung mit den Schrecken der Vergangenheit, diese lange, ernsthafte Auseinandersetzung, die nach dem Fall des Nazi-Regimes begann und bis heute andauert, wurzelt unter anderem im Verhalten der Geschwister Scholl und der übrigen jungen Männer und Frauen der Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“. Ihr Tun wirkte und wirkt weit über ihre Zeit und die Grenzen Deutschlands hinaus. Nicht zuletzt inspiriert durch die Beispiele anderer vor ihnen, ermutigen die Geschwister Scholl Menschen überall in der Welt, sich Diktatoren entgegenzustellen. Dreißig Jahre nach Hans und Sophie verfassten und verteilten auch in Libyen Studenten Flugblätter, die sich gegen einen Diktator wandten, gegen Gaddafi. Sie gingen große Risiken ein, und auch von ihnen wurden einige eingesperrt und hingerichtet. Ihre Flugblätter kommen in meinem ersten Roman „Im Land der Männer“ vor, wahrgenommen durch den feinfühligen, verwirrten Blick eines neunjährigen Jungen namens Suleiman el-Dewani, der in Tripolis am Meer aufwächst.

„Irgendjemand, ein Verräter, druckte Flugblätter, auf denen er den Führer und seine Revolutionskomitees kritisierte. Morgens lagen sie wie Zeitungen vor unseren Türen. Ich sage, irgendjemand, dabei müssen es Hunderte gewesen sein, vielleicht sogar Tausende, die sie mitten in der Nacht verteilten. Die Jungen und ich, wir wechselten uns mit dem Wachbleiben ab und hofften, einen von ihnen zu Gesicht zu bekommen. Wir stellten sie uns ganz in Schwarz gekleidet vor, maskiert und sehr schnell. Ali behauptete, einen gesehen zu haben. Masud schlug ihm auf den Kopf und sagte: ‚Wenn du noch mal solche Lügen erzählst, sag ich’s Baba.’

Alle fürchteten sich vor diesen Flugblättern und waren darauf bedacht, sie vor den Augen der Nachbarn zu zerreißen. Manche wie Mama nahmen sie mit nach drinnen, nur um sie in der Küchenspüle zu verbrennen und die Asche mit Wasser wegzuspülen. (...)

Am Morgen, bevor Ustaz Raschid {unser Nachbar} abgeholt wurde, hatten die Jungen und ich so große Langeweile, dass wir die Flugblätter nahmen und sie über die Gartenmauern warfen, womit sie, offiziell, in den Häusern der Leute waren. Wir machten das nur in den Nachbarstraßen, wo wir niemanden kannten. Wir beschwerten das leichte Papier mit kleinen Steinen und warfen es über die hohen Mauern, wie sie es in den Kriegsfilmen mit Granaten machten.“

Gedenken wir an diesem Tag, da ich den Geschwister-Scholl-Preis bekomme, Hans und Sophie Scholls und all der anderen Bekannten und Unbekannten unserer und vergangener Zeiten, die sich gegen Ungerechtigkeit und Fanatismus aufgelehnt haben, all jener, die, so sehr ich es ihnen nachzutun versuche, von einem tieferen Glauben an das Gute im Menschen und an sein Mitgefühl beseelt waren, die an die Kraft der Vorstellung glaubten, Gemeinsamkeiten selbst noch mit einem Feind zu finden, und die nie den so grundsätzlichen, profunden Umstand vergessen haben, dass auch die Schlimmsten unter uns unsere Brüder und Schwestern sind.

Ich möchte allen Mitarbeitern meines deutschen Verlages Luchterhand danken, besonders Georg Reuchlein und Christine Popp, die von allem Anfang an zu meiner Arbeit gestanden haben und über die Jahre zu lieben und geschätzten Kollegen geworden sind. Der Preis ist auch eine Anerkennung ihrer Arbeit. Großen Dank schulde ich auch meinem deutschen Übersetzer Werner Löcher-Lawrence für sein Talent, seine Genauigkeit und Ausdauer. Unermesslich viel verdanken das Buch und ich meiner Familie und einem kleinen Freundeskreis. Niemand hat mir während der Jahre meiner Reise durch die Seiten dieses Buches mehr geholfen als meine Frau Diana. Mit ihrem Intellekt und ihrem scharfen Blick wusste sie genau, wann ich ihren Zuspruch brauchte, wann ihre unsentimentale, einsichtige Kritik. Und natürlich danke ich den Juroren und Verantwortlichen dieses Preises. Ich nehme ihn mit großer Demut und Dankbarkeit an. Vielen Dank.

© Hisham Matar
Übersetzung aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence

Es gilt das gesprochene Wort.


 

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