Geschwister-Scholl-Preis 2017 - Hisham Matar

Laudatio von Dr. Susanne Mayer

 

Nur einen Fuß
vom letzten Rand

Hisham Matar und die Wahrheit des autobiographischen Schreibens

 

Als 2006 das erste Buch von Hisham Matar erschien, „In the Country of Men“, gab es so etwas wie ein Erstaunen in den Feuilletons von New York, London und ein Jahr später, als das Buch „Im Land der Männer“ auf Deutsch erschien, in Hamburg, Berlin oder München. Was war das? Ein neuer Ton. Eine unglaubliche Begebenheit, das Verschwinden eines Vaters, seine Entführung und Verschleppung durch die Schergen des diktatorischen Regimes von Oberst al-Gaddafi, wird aus der Sicht seines Kindes berichtet. Erzählhaltung: extreme Verletzlichkeit.

„In jener Nacht träumte ich, dass Baba auf dem Meer trieb. Das Wasser war unruhig, bildete Berge und Täler wie draußen auf hoher See. Er lag auf dem Rücken und sah aus wie ein kleines Fischerboot, das sich den Gewalten ergab. Ich war auch da und tat alles, um die Schultern über Wasser zu halten, weil ich ihn nicht aus den Augen verlieren wollte. Aber wieder hob sich das Meer, und er verschwand aus meinem Blickfeld … Ich drehte mich um, aber da war keine Küste, zu der ich zurück konnte.“

Der Ausdruck von Verlorenheit. Ein Vater geht dem Sohn und der Familie verloren, er wird verhaftet und verschwindet, und sein Sohn, er ist nicht nur in diesem Traum auf hoher See. Losgeschnitten. Diesem ersten Roman des Autors Hisham Matar folgte „Anatomy of a Dissapearance,“ auf Deutsch: „Geschichte eines Verschwindens“ (2011). Das englische Wort „Anatomy“ assoziiert, anders als das neutrale „Geschichte“, sofort das Todesmotiv, zugleich auf schmerzliche Weise die scharfen Schnitte, die posthum, nachdem schon alles verloren ist, nötig sind, um Klarheit in ein dunkles Geschehen zu bringen. Ein Junge, er heißt Nuri, ist zwölf Jahre alt, als sein Vater, ein Kamal Pascha el-Alfi, verschwindet. Die Umstände sind jetzt ein wenig anders, die Details variieren, auch der Schluss ist ein anderer. Im ersten Buch kommt der Vater zurück, im zweiten nicht. Und dann, 2016, noch einmal, „Die Rückkehr“, das Buch, das die Jury des Geschwister-Scholl-Preises hier auszeichnet. Wir folgen dem Geschehen jetzt nicht mehr mit den Blicken und Gefühlen eines Kindes oder Jugendlichen, wir begleiten einen Mann, in dessen Kindheit der Vater entführt wurde. Wir folgen ihm aus London in das Land, in dem sein Vater angeblich zuletzt gesichtet wurde, nach Libyen. Untertitel: „Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“, in der englischen Fassung „Fathers, Sons and the Land in between“. Eine Vermessung also einer großen Distanz zwischen Vater und Sohn, genauer, einer Distanz zwischen Vätern und Söhnen – schon im Untertitel wird das rein Autobiographische transzendiert, hin ins Allgemeine.

Drei Romane, sie wirken wie drei Sätze einer Komposition. Variationen in der Tonart Moll. Es sind Variationen von Schmerz und Verlust, es ist ein immer neu ansetzendes Ausloten – bis hin zu einem Wiederholungszwang – des Themas: die Versehrung derer nachzeichnen, die in einem Unrechtstaat auf Widerstand setzen.

Das Kind, der Heranwachsende, der Mann – diese drei Figuren haben einen fast archetypischen Dreiklang, andererseits haben sie einiges gemein mit dem Autor der Bücher, mit Hisham Matar.

Hisham Matar ist Spross einer libyschen Familie. Er ist der Sohn von Jaballa Matar, einem Offizier der libyschen Armee, der nach der Machtergreifung von Oberst Muammar al-Gaddafi 1969 nach New York versetzt wurde, quasi abgeschoben auf einen Sekretärsposten an die Libyschen Vertretung bei den Vereinten Nationen. Bilder zeigen einen gutaussehenden, kraftvollen Mann. Fan von Bayern München übrigens! In New York wird 1970 sein Sohn Hisham geboren. Hat Jaballa Matar da schon Kontakt zur Opposition?

Jaballa Matar scheidet 1973 aus der Libyschen Vertretung in New York aus und kehrt zurück nach Libyen. Er arbeitet jetzt für den Sturz Gaddafis, der im Westen noch hofiert wird, als im Land blutige Säuberungen stattfinden. Jaballa Matar ist jetzt im Widerstand, anders als für die Widerständler der Weißen Rose ist es ein bewaffneter Widerstand, aber Matar wird, wie sie, diesen Weg bis zum Ende gehen. Im Jahre 1979 setzt sich die Familie Matar ab nach Kairo. Dort wird der Vater im Jahre 1990, vom libyschen Geheimdienst, unter Assistenz des ägyptischen Geheimdienstes, entführt und verschleppt, zurück nach Libyen, die Spur verliert sich in dem berüchtigten Gefängnis Abu Salim. Anders als für die Widerständler der Weißen Rose gibt es kein Todesdatum, kein Grab.

Verhaftet werden in Libyen sein Bruder Mahmoud und drei weitere Männer der Familie, sie kommen erst frei, als Gaddafi 2011 gestürzt wird, nach 21 Jahren im Kerker. Jaballa Matar bleibt verschollen.

Der Vater ist jetzt ein Märtyrer Libyens. „Ich bin der Sohn eines ungewöhnlichen Mannes, vielleicht sogar eines großen Mannes“, heißt es in „Die Rückkehr“, ein Buch, in dem der Sohn sich aufmacht, Bruchstücke zu versammeln, um sie zu einem Bild dieses Mannes und seines Todes zusammenzusetzen.

Für Hisham Matar, einer von nahezu einer Million Flüchtlingen aus Libyen, ist die Unruhe, in die er hineingeboren wurde, ein Teil seines Lebens geblieben. Ging es in seiner Kindheit von New York, seiner Geburtsstadt, über Nairobi nach Tripolis nach Kairo, ging es von dort weiter, mit Abstechern nach hier und da, nach London und Paris und zurück nach London, und von dort wieder nach New York. London und New York werden ihm versuchsweise Heimat. Es ist, in dieser Rastlosigkeit, ein nicht untypisches Schicksal in unserer Zeit, in der 65 Millionen Menschen, so meldet das UNHCR-Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, auf der Flucht sind. Unter diesen Flüchtlingen ist Hisham Matar sogar ein privilegierter. Er liest, er schreibt, er lehrt Literatur. Und es ist in der Literatur, dass er um die Bewältigung dessen ringt, was das Schicksal ihm wie so vielen anderen, die vertrieben sind, auferlegt hat.

Einer seiner Erzähler zitiert die englische Schriftstellerin Jean Rhys: „Nie würde ich zu irgend etwas gehören. Nie würde ich wirklich irgendwohin gehören, und das wusste ich, und mein ganzes Leben lang würde es nie anders sein.“

Aus diesem Grundgefühl einer existentiellen Verlorenheit erwachsen die Romane von Hisham Matar. Die Bücher verschreiben sich in einem dreifachen Sinn einer Recherche du temps perdu – sie suchen nach einer Kindheit, die unter dem Eindruck der Entführung des Vaters aufgerieben wird. Sie suchen nach einer Person, die in dieser Vergangenheit verloren ging – nach dem Vater. Und zugleich suchen sie nach dem Kind, dessen Vater verloren ging und das sich dadurch selbst verlor. Der Sohn, der seinen Vater verlor, so beschreibt Matar es, ist für immer versehrt, denn er bleibt ja dieser Sohn, an einer Stelle heißt es: „Ein Mann zu sein bedeutet, Teil einer Kette aus Dankbarkeit und Erinnerung zu sein, aus Vorwurf und Vergessen, Unterwerfung und Rebellion, bis der Blick des Sohnes so wund und gespannt ist, dass er zurückblickend nur mehr Schatten sieht.“ Bei ihm ist diese Kette gesprengt.

Es gibt in diesen Büchern eine Ineinanderfaltung von Motiven, und zwischen den einzelnen Fältelungen nisten: Schock. Trauer. Trauma. Das, was Diktatur den Menschen antut. Überall, nicht nur in Libyen, nicht nur damals in Deutschland, als die jungen Menschen der Weißen Rose gegen das Unrechtregime antrat, überall dort, wo der Wunsch der Menschen nach Freiheit und Demokratie aufgerieben und zerstört wird oder nie eine Chance bekommt. In diesem Sinne überragen die Bücher von Hisham Matar das persönliche Schicksal, das Autobiographische. Auch wenn sie aus dem autobiographischen Erleben schöpfen, um ein Verhängnis zu schildern, das Menschen überschattet, die ihr Leben unter den Bedingungen von Diktatur leben.

Er selber sagte es lapidar in einem Gespräch: „In meinem Werk untersuche ich die sehr einfache, aber überall gültige Tatsache, dass jeder von uns in eine Geschichte hineingeboren wird. Wir werden hineingeboren in bestimmte Umstände und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben.“

Das ist ein bescheidener Ausdruck von dem, was dieser Autor, sehr kunstfertig, tut. Jedes seiner Bücher nähert sich dem Themenkomplex auf neue, vorsichtige Weise. Und gleichzeitig, so höflich und behutsam sich die Bücher ihren Lesern nähern, ersparen sie uns nicht die Schrecken, die sich unter den Bedingungen eines Lebens unter einem Unrechtsregime entfalten. Es gibt in diesen Büchern sehr präzise Beschreibungen von Gefühlslagen unter dem Druck des Bösen.

Das unaufhaltsame Anschwellen von Angst unter Bedrohung. Der einbrechende Schock nach dem Durchmarsch der Macht. Die Verstrickung in Schuld. Das Nachklingen der Schuldgefühle. Die Einsamkeit der Zurückgelassenen. Die Angst, die Wut. Die Sehnsucht. Die Besessenheit des Sohnes, seinen Vater zu finden, die immer wieder in Todessehnsucht umschlägt. Die Bücher bezeugen diese Qual – und sind zugleich Zeugnisse einer Widerständigkeit. Der Autor Matar weicht vor dem Schrecken nicht zurück, er nähert sich ihm immer wieder, immer wieder neu, mit jedem Buch – und er verschweigt gleichzeitig nicht, was der Preis dafür ist, für das Kind, den Heranwachsenden, den Mann.

In „Die Rückkehr“ zitiert Matar aus Shakespeares „King Lear“, er zitiert, wie Edgar seinem Vater, den geblendeten Gloucester, vorsorglich die Hand reicht: „Gebt mir die Hand“, sagt der Sohn. „Ihr seid nur einen Fuß/Vom letzten Rand.“ Gloucester hatte in seinem Elend sein Leben beenden wollen. In diesen Büchern von Matar aber ist es der Sohn, der immer wieder nur „einen Fuß vom Rand“ steht. Die Bücher erzählen auch von der nachhaltigen Gefährdung derer, die man gemeinhin als die Überlebenden bezeichnet, also von den angeblich Davongekommen. Die große schottische Kriegsreporterin Isabel Hilton sagte einmal, es sei eine weit verbreitete Täuschung anzunehmen, ein Krieg ende mit einer Kapitulation oder einem Sieg oder einem Friedensschluss. Der Krieg gehe in den Menschen weiter, in ihren Gedanken, ihrer Seele – oft über Generationen. Davon kann man etwas verstehen bei der Lektüre von „Die Rückkehr“ von Hisham Matar.

Der Autor ist souverän in der Variation seiner Stilmittel. Im ersten Buch, dem „Land der Männer“ ist es ein aufwühlendes Schreiben, der Text ist dicht gesteckt mit anrührenden Szenen und einer poetischen Beschreibung von Landschaft und Personen. Das Buch landete sofort auf der Shortlist des Guardian-First-Book-Award sowie des begehrten englischen Booker-Prize.

Das zweite Buch transformiert die Geschichte in einen Bildungsroman, der heranwachsende Junge liefert sich mit seinem Vater ein Duell um die Liebe einer Frau, dann: Verschwinden des Vaters. Absturz. Ende der Jugend.

„Die Rückkehr“ endlich kommt zu uns als Reisebericht. Der Stil: jetzt fast nüchtern. Gestus eines Sachbuchs. Aber natürlich ist es ein sehr kunstvolles Konstrukt, eine Meditation mit literarischen Mitteln über Verlust, Trauer, Vergeblichkeit. Pulitzer-Prize 2017!

„Die Rückkehr“, das Buch, dass hier mit dem Geschwister Scholl Preis ausgezeichnet wird, protokolliert Schritt für Schritt eine Reise des Erzählers mit Mutter und Bruder nach Libyen, berichtet wird über Versuche, das Schicksal des verschollenen Vaters für alle Zukunft zu klären. Es gibt in dieser Erzählung auch eine zweite Reise, eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit. Hier geht es in die Zeit des Exils in Kairo, zu den Treffen der Männer des Widerstandes, typisch ist die Atmosphäre von Heimlichkeit und Bedrohung, wie wir sie ja auch kennen von den Berichten der Widerständler der Weißen Rose. Und noch weiter geht es zurück, in die Kindheit, nach Tripolis.

Gelegentlich berühren sich diese beiden Reiserouten, die reale und die innere, an ihren Schmerzenspunkten. Etwa in Adshdabiya, dort, wo die Familie herkommt. Der Erzähler sieht vor sich das große Haus, das er in seiner Kindheit kannte. Er geht auf seine Verwandten zu – und erschrickt, weil er in ihren Mienen, in der Zeichnung eines Auges oder der Braue, die Spuren seines Vaters sieht. Das Schreckensgefängnis Abu Salim wird übrigens nur umrundet, zu groß ist wohl der Horror, um sich diesem Ort ganz auszusetzen.

Im Herzen dieses Buches gibt es eine schmerzhafte Verknäulung von Gefühlen. Die Suche des Reisenden ist getrieben von Angst – einer Angst, etwas über das Schicksal des Vater herauszufinden – vermutlich etwas Schreckliches –, und der Furcht, nichts herauszufinden. Der Erzähler will Leute aufspüren, die ihn gesehen haben könnten, und zittert davor zu hören, was sie gesehen haben könnten. Die Furcht: niemanden zu finden. Oder: nichts zu hören. Der Erzähler ist gefangen in einem Geflecht quälender Widersprüchlichkeit.

„Es war klar, dass er erschossen, gehängt, verhungert oder zu Tode gefoltert worden war“, heißt es fast lapidar.

Selten wurde so präzise umkreist, wie eine solche Reise in die Vergangenheit in einen gefährlichen Sog münden kann. „Nicht zu wissen, wann mein Vater zu existieren aufhörte, hat die Grenze zwischen Leben und Tod weiter kompliziert“, heißt es. Der Autor beschreibt, wie viel Mut es braucht, immer wieder aufzubrechen und nach einer Wahrheit zu suchen, die vielleicht furchtbar ist, oder, noch furchtbarer, gar nicht zu haben ist. Wo könne man das besser verstehen, wenn nicht in einem Land wie Deutschland.

In einem Gespräch sagte Matar, dass er natürlich sehe, wie viel einfacher es sein könne, der Sohn seines Vaters zu sein, als der Sohn des Folterers seines Vaters. Und, versöhnlich: dass es doch etwas gebe, was beide, den Sohn des Folterers, und den Sohn des Opfers, verbinde, nämlich die Aufgabe, sich zu dieser Vergangenheit zu verhalten. Und daraus etwas Neues zu gestalten. Welch eine Hoffnung! Aber: Was könnte eine solche Hoffnung für ein Land wie Libyen sein?

Von 6 Millionen Libyern sind 400 000 innerhalb des Landes auf der Flucht. Mehr als eine Million Libyer leben außerhalb des Landes. Und mehr als eine Million Flüchtlinge sind aus der Subsahara und Ägypten in das Land gekommen. Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen hat Libyen nach schockierenden Berichten über Gewaltexzesse in Flüchtlingslagern aufgefordert, diese aufzulösen. Gerade heute berichten die Medien über ein verwackeltes Video, das CNN zugespielt wurde und das vermutlich einen Sklavenmarkt in Libyen zeigt, auf dem Flüchtlinge versteigert werden. Beim Versuch, solchen Zuständen zu entkommen, über das Mittelmeer, so meldete vor wenigen Tagen die Vereinten Nationen , sind in diesem Jahr bereits übers 2700 Menschen ertrunken.

Ach ja: und Entführungen sind auch heute noch in Libyen an der Tagesordnung.

Die Spur des entführten Vaters verliert sich im berüchtigten Gefängnis Abu Salim. Im Buch seines Sohnes verdichtet sich alles Böse in einem Bericht seines Onkels Mahmoud, der in diesem Gefängnis 21 Jahre lang inhaftiert war. Mahmoud erinnert sich daran, wie er hörte, dass aus einer der Zellen ein Häftling immer wieder Gedichte rezitierte. Der Mann wollte sich ihm zu erkennen geben, als sein Bruder Jabbal, der dafür berühmt war, wie sehr er die Literatur liebte, die für ihn allein Lyrik war.

Mahmoud konnte nicht glauben, dass es sein Bruder war. Er erkannte die Stimme nicht. Der Erzähler ist konfrontiert mit einem vielschichtigen Schrecken – dass etwas passiert ist, was die Stimme seines Vaters, oder das Hören seines Bruders, so verändert hat, dass jemand den eigenen Bruder nicht erkennt.

Matar zitiert Dante: „Die Angst, in der du lebest/Hat dich vielleicht gelöscht in meinem Geiste, / dass mir scheint, ich hab dich nie gesehen.“

Es ist eine Schlüsselszene. Der Vater, der Gedichte liebt, das ist der Vater, an den der Erzähler dieses Buches, sein Sohn, anschließen kann. Auch wenn Mahmoud im Gefängnis den Mann in der anderen Zelle nicht als seinen Bruder erkennen kann, erkennt doch der Sohn, dass in der Literatur etwas liegt, das ihn mit dem Vater verbindet. Einmal, auf dieser Reise durch das ruinierte Libyen, hält er ein altes Magazin in Händen, darin findet er zu seiner Überraschung zwei Kurzgeschichten, Autor Jabbal Matar! So reichen sich der Vater und der Sohn die Hand, in der Literatur. Und ist dies nicht im Kern der Gedanke, der dazu geführt hat, dass mit dem Geschwister-Scholl-Preis, Jahr für Jahr, ein Buch ausgezeichnet wird, das eine Hoffnung setzt?

Hisham Matars Werk ist Lehrstück dafür, wie mit den Mitteln der Literatur eine Arbeit am Trauma möglich ist. Die Verhältnisse, in die er geworfen wurde, sagte Matar einmal, hätten in seinem Leben „schwarze Löcher“ erzeugt. Die Abwesenheit des Vaters. Das Nichtwissen, wo er geblieben ist. Der Verlust eines Lebens, das in Libyen hätte möglich sein können. Die Person, die man dann gewesen wäre. Löcher, Löcher, Löcher. Erfahrungen von Sinnlosigkeit. Dagegen schreibt Matar an.

Er selber formulierte es in einem Gespräch so: Sein Buch betrachte er als „ein Zuhausesein, als ein Ort, an dem die Welt möglich wird.“ Es ist in diesem Sinne, auf seine kunstvolle Weise, ein hochpolitisches Buch.

Matar, im unaufhaltsamen Ringen mit den Spuren, welche die Diktatur in sein Leben gefurcht hat, beschreibt, Buch um Buch, was es ihn kostet, sich diesen Verletzungen zu stellen. Das erfordert nicht wenig von jenem unbeirrbaren moralischen, intellektuellen Mut, den wir bei den jungen Menschen, die dem Geschwister-Scholl-Preis ihren Namen gaben, so bewundern. Sie haben, wie so viele im Widerstand in Libyen, oder sonst wo in den Ländern, in denen gerade gegen die Despotie gekämpft wird, für ihre Überzeugungen mit ihrem Leben gezahlt. In Hisham Matars Büchern werden die Kosten dieses Widerstandes bilanziert, die noch in die nächsten Generationen hinein spürbar sind. Schmerzlich wird deutlich, was das Heldentum seines widerständigen Vaters ihn, die Familie, die Kinder kostet, auch, wenn es sie stolz macht.

Dafür, für diese Bücher, danke ich Hisham Matar. Ich danke der Jury dafür, dass sie die Tiefe dieses Schreibens, die Hingabe an dieses persönliche politisch-ästhetische Projekt, mit dem Geschwister-Scholl-Preis auszeichnet! Mein Glückwunsch an Hisham Matar!

© Dr. Susanne Mayer

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Buch-Tipp:
"Was tun - Demokratie versteht sich nicht von selbst"
von Gabriele von Armin, Chrsitiane Grefe, Susanne Mayer, Evelyn Roll und Elke Schmitter
Verlag Antje Kunstmann
Die Einnahmen aus dem Verkauf dieses Buches gehen als Spende an die Organisation "Reproter ohne Grenzen"

 

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