Geschwister-Scholl-Preis 2017 - Hisham Matar

Ansprache von Dieter Reiter

Ich begrüße Sie zur Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises 2017, den die Landeshauptstadt München zusammen mit dem Landesverband Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels vergibt. Zum 38. Mal wird damit heuer ein Buch prämiert, „das von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen und intellektuellen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben“. Und das dabei im weitesten Sinne an das Vermächtnis der Geschwister Scholl erinnert.

Wie im vergangenen Jahr werden wir dabei auch diesmal wieder mit den Gräueln in den Folterkellern eines diktatorischen Regimes konfrontiert. Während allerdings der Verantwortliche für die in der letztjährigen Reportage geschilderten Unmenschlichkeiten, nämlich der syrische Despot Baschar al-Assad, nach wie vor am Leben und an der Macht ist, hat man den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi im Verlauf der dortigen Revolution 2011 gestürzt und getötet. Insofern hängt der Mut, den Hisham Matar im Rahmen der Entstehung seines Buches „Die Rückkehr“ aufgebracht hat, auch weniger mit dem eigenen Widerstand gegen die Tyrannei zusammen, als vielmehr mit der Bereitschaft, sich den schmerzlichsten Seiten seiner Familiengeschichte zu stellen. Und das bedeutete für Hisham Matar, wie es im Untertitel des Buches heißt, sich auf die Suche nach dem verlorenen Vater zu machen.

An eine glückliche Heimkehr des verlorenen Vaters war damals im Jahr 2012 aber wohl nicht mehr wirklich zu denken. Zu lange schon war der Kontakt zu ihm abgerissen und das Wissen um die Methoden des libyschen Terrorregimes Allgemeingut. 1990 war der Vater und Regimegegner Jaballa Matar von Gaddafis Schergen im ägyptischen Exil gekidnappt und nach Libyen verschleppt worden. Gemeinsam mit vielen anderen politischen Gefangenen landete er dort im berüchtigten Folter-Gefängnis Abu-Salim in Tripolis – jenem Kerker, in dem 1996 während einer Gefangenenrevolte mehr als 1.200 Häftlinge von Sicherheitskräften massakriert wurden.

Im selben Jahr war es Jaballa Matar übrigens zum letzten Mal gelungen, seiner Familie einen Brief zukommen zu lassen. Danach haben sie nichts mehr von ihm gehört. Erst der Arabische Frühling fast 15 Jahre später ließ einen Funken Hoffnung aufkeimen, Anhaltspunkte über den Verbleib von Hisham Matars Vater zu bekommen. Wenn man ihn selbst schon nicht mehr am Leben fände, so wollte man doch wenigstens Klarheit über sein Schicksal gewinnen. Denn nichts ist schlimmer als die Ungewissheit.

Jedes Jahr am 30. August wird weltweit der Internationale Tag der Opfer des Verschwindenlassens, der sogenannte Tag der Verschwundenen begangen. Im Visier steht dabei genau diese Art von Staatsterror, bei der Regimegegner gezielt entführt, gefoltert und ermordet werden, während man den Angehörigen seitens der Behörden jegliche Auskünfte über deren Verbleib verweigert. Schon die Nazis haben auf diese Weise Angst und Schrecken in den besetzten Gebieten verbreitet. Der damalige sogenannte Nacht-und-Nebel-Erlass Adolf Hitlers wurde später im Rahmen der Nürnberger Prozesse unter anderem auch als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft. Trotzdem ist das gewaltsame Verschwindenlassen in totalitären Staaten, in Kriegen und Bürgerkriegen bis heute ein probates Mittel der Repression und Einschüchterung geblieben.

Mit dem Verschwinden seines Vaters ist in Hisham Matars Leben eine tiefe Lücke entstanden. Dass der Vater bis heute nicht wieder aufgetaucht ist, hat diese klaffende Wunde im Leben des Sohnes über die Jahre offen gehalten. Die Leerstelle gefüllt und den Schmerz gelindert hat schließlich die intensive Suche nach dem Vater und sicher auch das Bild, das in Gesprächen und Erzählungen nach und nach von ihm entstanden ist. Oder wie es Hisham Matar selbst ausgedrückt hat: „Der Körper meines Vaters ist nicht mehr da, aber sein Raum existiert noch und wird von etwas eingenommen, das nicht nur Erinnerung genannt werden kann. Er lebt und ist Teil des Jetzt.“

Bleibt zu hoffen, dass Geschichten und Erfahrungen wie diese auch jenen Menschen zu denken geben, die jetzt die Macht in Händen halten und die Möglichkeit haben, die richtigen Schlüsse aus der Vergangenheit zu ziehen. Leider haben sich in Libyen nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes die Erwartungen an eine Beruhigung der Lage und den Übergang zu geordneten Verhältnissen bis heute nicht erfüllt. Immerhin haben sich die rivalisierenden Parteien im Land heuer auf eine Waffenruhe und baldige gesamtlibysche Parlaments- und Präsidentenwahlen geeinigt. Ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Damit gratuliere ich Ihnen, sehr geehrter Herr Matar, ganz herzlich zum Geschwister-Scholl-Preis 2017!

© Dieter Reiter, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München

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