Geschwister-Scholl-Preis 2017 - Hisham Matar

Ansprache von Michael Then

Guten Abend meine sehr geehrten Damen und Herren, herzlich willkommen zur Preisverleihung des Geschwister Scholl Preises 2017 an Hisham Matar für sein Buch „Die Rückkehr – Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“.

In Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" empört sich Linda, die Frau von Willy Loman: Er ist ein Mensch, und es passiert ihm gerade etwas Schreckliches! Also gebührt ihm Aufmerksamkeit. Er darf nicht ins Grab fallen, wie ein alter Hund. Aufmerksamkeit! Aufmerksamkeit schulden wir dem Menschen.

Aufmerksamkeit ist das Gedächtnis des Herzens, so ein Sprichwort aus Frankreich. Darum handelt diese Rede heute Abend, verehrte Gäste, von der Aufmerksamkeit. Denn dieses so wichtige, aber heute wenig beachtete Geschenk schulden wir all jenen, die in Vergessenheit geraten. Wer schenkt jenen Menschen Aufmerksamkeit, die in Libyen während der Herrschaft Muhammad al-Gaddafis versucht haben, die Menschlichkeit am Leben zu erhalten, und dafür mit ihrem Leben bezahlt haben? Wer, jenen Leichen verstorbener Dissidenten, die in Gefriertruhen unter Gaddafis Palast gefunden wurden?

Und wir schulden all jenen Aufmerksamkeit, die in den Foltergefängnissen eines skrupellosen Diktators verschwunden sind.

Libyen? Gibt es das überhaupt noch? Ist das nicht dieser merkwürdige Flecken Erde an der Nordküste Afrikas, von wo aus all jene ihre Reise starten, um zu uns zu gelangen? Hand aufs Herz, wie viel Aufmerksamkeit haben Sie den Menschen und diesem failed state geschenkt?

Früher gab es Länder, die mutige Menschen entdecken konnten, heute bedarf es mutiger Menschen, die das Verschwinden eines Landes und seiner Bewohner zu verhindern suchen. Einer dieser mutigen Männer war der Vater des diesjährigen Geschwister Scholl Preisträgers. Herzlich willkommen und vielen Dank, dass Sie heute Abend hier sind, verehrter Hisham Matar.

Matar, 1970 in New York als Sohn eines Sekretärs der libyschen UN-Vertretung geboren, wurde just in jenem Moment gezeugt, als ein junger Hauptmann König Idris in Libyen von seinem Thron stürzte. Als er drei Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm zurück nach Tripolis. Von dort musste die Familie fünf Jahre später, vor dem Zorn eines despotischen Regimes, das der Vater bekämpfte, fliehen; erst in Richtung Nairobi, dann weiter nach Kairo.

Matars Vater, der sich mit seiner Familie aus Gaddafis «Staat der Massen» abgesetzt hatte, wurde im Exil zu einem der tätigsten und wagemutigsten Gegner des Diktators. Das Regime registrierte dabei – wie sich nachträglich herausstellte – praktisch jeden Schritt, jedes Telefonat im Hause Matar; 1990 wurde er aus seiner Kairoer Wohnung entführt und in das berüchtigte Abu-Salim-Gefängnis in Tripolis geworfen.

Mit seinem Buch „Die Rückkehr“ kehrt Hisham Matar zu jenem Ereignis zurück, um das sich seit je die Ängste von Matars Familie kristallisiert hatten: einem Massaker, bei dem Ende Juni 1996 in eben jenem Abu-Salim-Gefängnis über 1200 Häftlinge ermordet wurden und bei dem mit einiger Wahrscheinlichkeit auch Matars Vater ums Leben kam. Die letzte seiner raren Botschaften aus dem Kerker hatte die Familie 1995 erreicht, danach gab es vom Vater kein Lebenszeichen mehr. Die Onkel des Schriftstellers, die von der Massenhinrichtung auf rätselhafte Weise verschont geblieben waren, können bei Hisham Matars Besuch im Frühjahr 2012 Zeugnis von den Schreckenstagen ablegen; dies wird der letztgültige Näherungswert bleiben, den die jahrzehntelange Suche nach dem Verschwundenen erbrachte.

„Mitte der 1990er“, so Hisham Matar, „riskierten einige Leute ihr Leben, um drei Briefe meines Vaters zu uns, seiner Familie, zu schmuggeln. In einem von ihnen schreibt er: Die Grausamkeit dieses Ortes übertrifft bei weitem alles, was wir über die Gefängnisfestung der Bastille gelesen haben. Alles ist von Grausamkeit durchsetzt, doch ich bin und bleibe stärker als ihre Unterdrückungstaktiken … Manchmal verstreicht ein ganzes Jahr, ohne dass ich die Sonne sehe oder aus dieser Zelle gelassen werde.

Man kann „Die Rückkehr“ als Teil eines literarischen Triptychons lesen, zu dem die Romane "Im Land der Männer", 2007, und "Geschichte eines Verschwindens", 2011, gehören. Beide Romane basieren auf den tatsächlichen biografischen Fakten der Familie Matar, allein drei gemein ein zentrales Bild:

Ich weiß nicht, ob mein Vater tot ist, aber ich weiß auch nicht, ob er noch lebt.

Dieser Satz Hisham Matars aus einem Interview mit der Londoner "Times" markiert das zentrale Trauma im Leben des Autors, nämlich die permanente Uneindeutigkeit seiner Trauer, die ihn zu einem "Leben in Wartestellung" verurteilte.

"Nicht zu wissen, wann mein Vater zu existieren aufhörte, hat die Grenze zwischen Leben und Tod weiter kompliziert", heißt es in "Die Rückkehr“. In seinem Buch gibt es, so Matar, „diese dünne Linie, die zwischen der Hoffnung verlaufe, den Vater zu finden, und dem Wunsch, es nicht zu tun – und man selber ist auf dem Schauplatz dieses beschämenden Kampfes. Weil man diese beiden Kräfte in sich ausbalancieren muss.“ Auf die Frage, was sein Buch sein könnte, antwortet Matar in einem Interview, wie sehr er sich wünsche, dass sein Buch als etwas gesehen werden könnte, das anders ist, nämlich ein Ort, an dem sich eine Neugier entfaltet – ganz weit. Neugier worauf? Auf den Menschen, auf das, was er sein kann!

Hisham Matars ganze Aufmerksamkeit galt und gilt seinem Vater, oder besser der Suche nach dem Vater. Sie treibt ihn an, all die Jahre hindurch. Immer an der Grenze zur Obsession. Sie, die Obsession, ist die dunkle Schwester der Aufmerksamkeit, verengt sie doch den Blick, lässt Neugierde sterben.

Aufmerksam verfolgen wir beim Lesen des Buches den Autor auf der Suche nach seinem Vater. Lauschen den Berichten von Überlebenden und fallen mit ihm in jene "schwarzen Löcher", die, wie der Autor schreibt, sich auftun, wenn Hoffnung wieder enttäuscht wird. Für Matar wird das Schreiben zum überlebenswichtigen Atmen, das ihm hilft, gegen die Wut anzugehen, die "wie ein vergifteter Strom" durch sein Leben fließt. Und so wird der Roman weit mehr als ein autobiographischer Roman, er wird zu einem Sinnbild für Mut, Verzweiflung und Enttäuschung, aber auch für die bewegende Suche des Autors nach der eigenen Seele und der seines Landes.

Manchmal habe ich das Gefühl, meine verehrten Damen und Herren, dass wir vergessen, wie viele Mut braucht, um gegen Unrecht, Verfolgung und Unterdrückung aufzustehen. Wie viel Mut es braucht, trotz Folter und Misshandlung, anderen Häftlingen Trost zu spenden, wie es Matars Vater getan hat. Wie viel Willensstärke es braucht, um seinen Peinigern zu sagen: «Mein Kopf weiß nicht, wie man sich beugt», so der Vater in einem Kassiber, der seine Familie 1993 erreichte.

Erlauben Sie, dass ich zum Ende meiner Rede ihre Aufmerksamkeit auf die Namensgeber des Preises lenke. Ende Juli 1942 werden die Freunde Hans Scholl, Willi Graf und Alexander Schmorell zur „Front-Famulatur“ nach Russland abkommandiert. Anfang November, also vor genau 75 Jahren, kehren sie zurück, schwer traumatisiert vom Grauen des Krieges. Sie machen sich mit den anderen Mitgliedern der Weißen Rose im Untergrund sofort an die Arbeit für das fünfte Flugblatt, um die Aufmerksamkeit der Deutschen auf das Unrecht zu lenken, dass im Namen des Volkes verübt wurde.

Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt! Entscheidet Euch, ehe es zu spät ist!

Preise sind auch immer ein Versuch Aufmerksamkeit zu erzeugen, Zeichen zu setzen. So ist der Geschwister Scholl Preis ein Zeichen gegen das Vergessen, für den Mut von Menschen gegen Unrecht und Willkür anzugehen und ein Aufruf zu Zivilcourage. Aber auch eine Mahnung an uns alle, aufmerksam zu bleiben.

In Zeiten von Fake news, übelsten Beschimpfungen von Politikern, bullshit.sprech und schlichten Lügen, sind Abende wie dieser und Autoren wie der Geschwister Scholl Preisträger 2017, Hisham Matar, umso wichtiger. Der karge Stil seiner Prosa schafft Aufmerksamkeit, ohne laut zu werden. Matar ist ein Meister der leisen Töne, die manchmal so leise daherkommen, dass man eine Stecknadel fallen hören kann oder „die leisen Tränen eines Mannes“, wie es bei Matar heißt.

Schenken Sie Libyen und seinen Bewohnern ihre Aufmerksamkeit, denn das Töten geht weiter. Und schenken Sie all jenen afrikanischen Flüchtlingen Ihre Aufmerksamkeit, die von den Stränden Libyens über das Meer zu fliehen versuchen. Auch von ihnen verschwanden Abertausende.

Vergessen wir nicht jene, die überlebt haben und mit der Ungewissheit leben müssen, nicht zu wissen, was aus dem Bruder, der Tochter, dem Lebensgefährten, dem Nachbarn geworden ist. Eine schreckliche Ungewissheit, die Millionen Menschen hier erlebt haben und leben mussten nach dem Untergang des Dritten Reiches.

Lassen sie nicht zu, dass Menschen ins Grab fallen wie ein alter Hund. Vielen Dank Hisham Matar, dass Sie uns darauf aufmerksam gemacht haben, und Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

© Michael Then, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e.V.

Es gilt das gesprochene Wort.

 

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