Geschwister-Scholl-Preis 2018 - Götz Aly

Dankesrede von Götz Aly

Warum blieb die Weiße Rose so isoliert?

Für den 18. Februar 1943 vermerkt die geschichtliche Chronik zwei im Rückblick wichtige Ereignisse: Um 11.00 Uhr legten die Studenten Hans und Sophie Scholl in der Münchner Universität regierungsfeindliche Flugblätter aus und wurde dabei von einem pflichtbewussten Hausmeister erwischt; um 17.00 Uhr hielt Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast jene Rede, die in der Frage gipfelte: „Wollt ihr den totalen Krieg?“. Goebbels reagierte auf Stalingrad, rief zum entschlossenen Kampf auf und stellte schließlich diese, in wildes Ja-Geschrei mündende Frage: „Seid ihr damit einverstanden, dass, wer sich am Kriege vergeht, den Kopf verliert?“ Über den Reichsrundfunk erreichte die Rede viele Zehnmillionen Hörerinnen, Hörer und Soldaten.

Wie Goebbels antworteten die zum Aufbegehren entschlossenen jungen Leute der Weißen Rose auf die Katastrophe von Stalingrad. Sie verstanden sie als Menetekel, das die Deutschen ermutigen müsste, die Herrschaft der Vernichtung und Selbstvernichtung endlich abzuschütteln. Das sollte nicht mit Waffengewalt gelingen, sondern „aus der Macht des Geistes“, kraft starker Argumente. „Die Toten von Stalingrad beschwören uns“, so hieß es im letzten vervielfältigten Flugblatt.

Demoskopisch betrachtet, standen die Chancen der Weißen Rose auf einen Stimmungsumschwung nicht schlecht. Praktisch lagen sie bei null. Wie erklärt sich diese Kluft? Prüfen wir die Stimmungslage anhand zweier Indikatoren, zu denen Studenten meines Frankfurter Seminars 2006 Daten erhoben haben. Der erste Indikator bezieht sich auf den exemplarischen Terror, den die NS-Regierung meinte einsetzen zu müssen, um die eigene Bevölkerung auf Kurs zu halten. Wir zählten dafür die Todesurteile aus, die der Volksgerichtshof zwischen 1934 und 1944 gegen Reichsdeutsche wegen politischer und defätistischer Tatbestände verhängt hatte. Von 1934 bis Ende 1939 waren es binnen sechs Jahren 28 Todesurteile, in den folgenden drei Kriegsjahren 130, in den beiden letzten 869. Das heißt: Rund 80 Prozent der Hinrichtungen von Deutschen fielen in die Zeit nach Stalingrad.

Mit dem zweiten Indikator lässt sich das Schwinden des Volksvertrauens in die politische Führung messen. Bis September 1944 konnten Angehörige die Todesanzeigen für ihre Gefallenen frei gestalten und benutzten dafür zumeist zwei ähnlich erscheinende, jedoch sehr verschiedene Formeln: „… gefallen für Führer, Volk und Vaterland“ oder „… gefallen für Volk und Vaterland“. Im „Frankfurter Volksblatt“, der lokalen Ausgabe des „Völkischen Beobachters“, war die Führerquote bis ins 1. Quartal 1943 von ursprünglich 90 auf 30 Prozent gesunken, in der bürgerlichen „Frankfurter Zeitung“ von 60 auf 10 Prozent. Aber warum mündete der gut messbare rapide Vertrauensverlust in die deutsche Führung nicht in massenhafte Verweigerung? Warum blieb die Weiße Rose so isoliert?

Nachdem Sophie Scholl, Hans Scholl und Christoph Probst als erste am 18. und 20. Februar gefasst worden waren, verkündeten die Richter des Volksgerichtshofs bereits am 22. Februar, dem folgenden Montag, um 13.30 Uhr die Todesurteile im Schwurgerichtssaal des Münchner Justizpalasts. Schriftlich begründeten sie: In ihrem Aufruf „An alle Deutschen“, zu dem sich die Angeklagten klar bekannt hatten, prophezeiten diese „Deutschlands Niederlage im Krieg“, sie warben für den „Befreiungskrieg gegen das ‚nationalsozialistische Untermenschentum‘“ und stellten „Forderungen im Sinne formaler Liberaldemokratie“ auf. Dem 23-jährigen Angeklagten Probst, damals bereits Vater von drei kleinen Kindern, warf der Vorsitzende Richter Roland Freisler vor, er habe „den Führer als militärischen Hochstapler beschimpft“ und sei außerdem „ein ‚unpolitischer Mensch‘, also überhaupt kein Mann“. So steht es wörtlich im Urteil. (Nebenbei: Ich gehöre zu den 68ern. Deshalb seien meine Gesinnungsgenossen von einst daran erinnert, wer - lange vor 1968 - Gewaltenteilung und Rechtsstaat als „liberale Formaldemokratie“ verächtlich gemacht und den „politischen Menschen“ zum Wert an sich erhoben hatte.)

Neben Stalingrad besteht zwischen den Texten der Weißen Rose und Goebbels‘ Rede eine zweite thematische Parallele. Im Flugblatt Nr. II, verfasst im Sommer 1942, lesen wir: „Nicht über die Judenfrage wollen wir in unserem Blatte sprechen, keine Verteidigungsrede verfassen – nein, nur als Beispiel wollen wir die Tatsache kurz anführen, die Tatsache, dass seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialischste Art ermordet worden sind. Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschheitsgeschichte an die Seite stellen kann.“

Die jungen Leute, die im Juli 1942 so schrieben, wussten von 300.000 ermordeten Juden (in Wahrheit waren es Mitte 1942 etwa zwei Millionen), und sie wussten von Mord- und Schandtaten, begangen an christlichen Polen. Spätere deutsche Historiker bemängelten und bemängeln, manche in der Weißen Rose hätten gelegentlich antijüdische Gefühle gehegt, sich für die Hitlerjugend begeistert, seien gendermäßig nicht auf der Höhe gewesen oder hätten sonst etwas getan, was einigen Maßstäben unserer Gegenwart nicht genügt. Ich halte solche Urteile von Nachgeborenen für selbstgefällig und dünkelhaft. Tatsache ist: Die studentischen Mitglieder der Weißen Rose und ihr Mentor Professor Kurt Huber fanden während der ersten Kriegshälfte zur besseren Einsicht. Sie lösten sich aus dem riesenhaften und bequemen Strom kollektivistischen Mitschwimmens und entschlossen sich, gegen das massenmörderische NS-Regime prinzipiellen, den Allgemeinen Menschenrechten verpflichteten Widerstand zu leisten. Deshalb schrieben sie: „Auch die Juden sind doch Menschen – man mag sich zur Judenfrage stellen wie man will -, und an Menschen wurde solches verübt“ – ein beispielloser Massenmord.

Im selben Flugblatt fragten die Autoren verzweifelt: „Warum verhält sich das deutsche Volk angesichts all dieser scheußlichsten, menschenunwürdigsten Verbrechen so apathisch?“ Es nehme die Tatsachen zwar zur Kenntnis, lege sie aber schnell „ad acta“, um „wieder in seinen stumpfen, blöden Schlaf“ zu verfallen. Auf diese Weise verschaffe die überwältigende Mehrheit der Deutschen „diesen faschistischen Verbrechern Mut und Gelegenheit weiter zu wüten – und diese tun es“. Auch uns Heutigen, Historiker eingeschlossen, fällt die Antwort auf diese 1942 gestellte Frage schwer. Wie konnten die ansonsten durchschnittlichen Deutschen alle diese Morde begehen oder schweigend geschehen lassen? Warum waren sie in „den blöden Schlaf“ des Nichtwissenwollens und Verdrängens gefallen?

Ebendiese oft nur dumpf-hinnehmende Apathie äußerte sich an jenem 18. Februar 1943 auch in der Münchner Universität. Der Augenzeuge Helmut Goetz berichtete: „Um 12 Uhr konnte ich die Universität nicht mehr verlassen, da alle Ausgänge und Telefonkabinen zugesperrt waren. Man tuschelte untereinander, aber sonst geschah nichts, auch nicht, als ein junges Mädchen von zwei Gestapobeamten durch die Menge hindurch abgeführt wurde. Ich war zu feig, auch nur den Mund aufzumachen. Ich war aber auch erschüttert über die trostlose Passivität der anwesenden Studenten, die die unbegreifliche Blödheit hatten, den kurz darauf erscheinenden Rektor zu betrampeln, der etwas von Hochverrätern usw. faselte.“ Die Sperre wurde nach einer guten Stunde aufgehoben, und nach dem Zeugnis des Rektors der LMU, Walther Wüst, und „aller beteiligten Stellen“ hatten sich die eingeschlossenen Studenten während „der Durchführung der polizeilichen Aktion“ tadellos verhalten.

Warum diese Mischung aus Akklamation und Sich-Wegducken? Eine wichtige Antwort auf diese Frage findet sich in der Rede vom „totalen Krieg“. Goebbels setzte auf die Parole „Sieg oder Untergang“ und begründete sie mit Andeutungen zum Judenmord: „Hinter den anstürmenden Sowjetdivisionen sehen wir schon die jüdischen Liquidierungskommandos“, so hob er an und streute ein: „Man wird, um das hier nur zu erwähnen, in diesem Zusammenhang auch unsere konsequente Judenpolitik verstehen können.“ Wer immer noch nicht begreifen wollte, dem hämmerte Goebbels Sekunden später ein, Deutschland werde das Judentum „mit radikalsten Gegenmitteln“ bekämpfen und setzte hinzu: Der „gigantische Kampf gegen diese Weltpest darf nur mit Sieg enden“; denn „jedermann weiß, dass dieser Krieg, wenn wir ihn verlören, uns alle vernichten würde“.

Mit dem dürftig verhüllten Reden über das Morden bugsierte die Führung das eigene Volk in fatalistische Reglosigkeit, in stumpfes Schweigen. Offensiv eingesetzt hatte dieses Mittel Hermann Göring bereits am 4. Oktober 1942 anlässlich seiner Erntedankrede. Der Redner versprach höhere Fleischzuteilungen, um – in einer bereits kritischen Situation - den Durchhaltewillen zu festigen. Doch schien ihm das nicht genug. Deshalb beschwor er den Durchhaltezwang. Während Deutsche im Herbst 1942 Tag für Tag mehrere Tausend Juden in den Gaskammern von Belzec, Sobibor und Treblinka ermordeten, kam Göring in den Schlusssätzen seiner Rede scheinbar zusammenhanglos auf die Juden zu sprechen: „Deutsches Volk, Du musst wissen, wird der Krieg verloren, bist du vernichtet. Der Jude steht mit seinem unendlichen Hass hinter diesem Vernichtungsgedanken. Und da kann der eine erklären, er wäre Demokrat oder Plutokrat oder Sozialdemokrat oder Kommunist oder Nazi, das ist ganz Wurst. Der Jude sieht nur den Deutschen. Und darüber macht euch nur keine falsche Vorstellung: Dieser Krieg wird gewonnen werden, weil er gewonnen werden muss.“

Leicht verhüllt und codiert drohten Göring, Goebbels und Hitler ihrem Volk mit den Folgen des von Deutschen fortwährend begangenen Raubens und Mordens. Damit nahmen sie die kleinen deutschen Profiteure, Mitläufer, Zuschauer und Schweiger in Haftung, erzwangen Loyalität. Nach dem Prinzip „mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen“ nutzte die Staatsführung die Massenmorde seit 1942 erfolgreich als Mittel, um die Deutschen gefügig zu halten, ihnen die Möglichkeit zum Protest und zur Verweigerung zu versperren.

Die Wirkung dieser Politik notierten britische Offiziere, als sie im Frühjahr 1943 an der Afrikafront drei deutsche Marinesoldaten vernahmen. Die soeben Gefangenen zeigten sich „ehrlich schockiert über das großangelegte, kaltblütige Morden“ in Polen und Russland. Wie die Vernehmer weiter erfragten, speiste sich daraus deren „Hauptsorge“: „die Angst davor, dass Deutschland den Krieg verlieren könne und die Juden dann Deutschland für diese Massaker zahlen lassen würden“. Generell spiegelten diese sehr unmittelbaren Befragungen das „weit verbreitete Gefühl der Schuld“ und die allgemeine Befürchtung, dass „den von Deutschen begangenen Verbrechen“ „eine unterschiedslose Rache an der gesamten Nation“ folgen werde.

In der zweiten Kriegshälfte speiste sich der so offenkundige Durchhaltewille der deutschen Mehrheit nicht mehr aus dem Führerglauben und der Naziideologie, sondern aus der halbbewussten, immer wieder absichtsvoll angedeuteten Tatsache, dass infolge der ungeheuerlichen Verbrechen alle Brücken zur Umkehr abgebrochen seien. Sehr klar hatte Thomas Mann den Zusammenhang von Verbrechen und blindem Durchhaltewillen bereits im November 1941 angesprochen, als er eine seiner an das deutsche Publikum gerichteten, von der BBC ausgestrahlten Radioreden verlas: „Das Unaussprechliche, das in Russland, das mit den Polen und Juden geschehen ist und geschieht, wisst ihr, wollt es aber lieber nicht wissen aus berechtigtem Grauen vor dem ebenfalls unaussprechlichen, dem ins riesenhafte gewachsenen Hass, der eines Tages, wenn eure Volks- und Maschinenkraft erlahmt, über euren Köpfen zusammenschlagen muss. (…) Eure Führer, die euch zu all diesen Schandtaten verführt haben, sagen euch: Nun habt ihr sie begangen, nun seid ihr unauflöslich an uns gekettet, nun müsst ihr durchhalten bis aufs Letzte, sonst kommt die Hölle über euch.“

Ähnlich erklärte der exilierte Rechtsanwalt, Sozialist und Politikwissenschaftler Franz Neumann 1944 den geringen Widerstand gegen den so offensichtlich selbstzerstörerischen Krieg. Auch er ging davon aus, dass die deutschen Anführer ihr Volk „in eine kollektive Schuld verwickelt“ hatten und folgerte: „Die Teilnahme an einem so ungeheuren Verbrechen wie der Ausrottung der Ostjuden machte die deutsche Wehrmacht, das deutsche Beamtentum und breite Massen zu Mittätern und Helfern des Verbrechens und machte es ihnen daher unmöglich, das Naziboot zu verlassen.“

So gesehen müssen die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschland auch als zweckgerichtete, instrumentell eingesetzte Mittel zur Korruption und Fesselung des eigenen Volkes verstanden werden. Die schlimmsten Massenmorde stabilisierten die objektiv haltlose, auf selbstmörderischen Untergang zusteuernde Naziherrschaft besonders effektiv. Die Mixtur aus gemeinschaftlichem Profit und gemeinschaftlich zu verantwortenden Verbrechen schweißte Volk und Führung zusammen.

Anders als später mit Inbrunst behauptet, war die Kollektivschuldthese eben kein Produkt der alliierten Sieger. Erfunden hatten sie die NS-Regenten zum Zweck der massenhaften politischen Integration des eigenen Volkes in die Herrschaft des Bösen. Nach dem mit Recht so bezeichneten Zusammenbruch im Mai 1945 blieb die von so vielen Deutschen erwartete, von ihren Führern so oft als Flammenzeichen an die Wände gemalte Rache aus. Doch lebte der Glaube daran ungebrochen fort. Er wurde zur Ausrede, wie Hannah Arendt 1949 während ihres Deutschlandbesuchs beobachtete: „Die beharrliche Behauptung, dass es einen ausgeklügelten Racheplan (der Alliierten) gebe“ oder zumindest gegeben habe, „dient als beruhigendes Argument für den Beweis, dass alle Menschen gleichermaßen Sünder sind“.

Hinzu kam, was sich mit dem Mittel des Krieges noch stark steigern ließ: „Die Herstellung einer unentrinnbaren Wir-Atmosphäre, das Gefühl, dass ständig etwas geschieht, Aktionen bevorstehen“, wie Wilhelm Hennis 1968 formulierte. Viktor Klemperers Kaufmann Vogel drückte denselben Sachverhalt, mitten im Annexions- und Gewaltjahr 1938, schlichter aus: „Es kommt mir immer alles wie im Kino vor.“ Diese Herrschaft konnten nur bestehen, solange sie auf extreme Geschwindigkeit setzte – „gleich einem Kreisel, der nur durch schnelle Umdrehung im Gleichgewicht erhalten werden kann“. Deshalb musste sie zur Selbststabilisierung, wie der exilierte liberale Ökonom Wilhelm Röpke 1938 voraussah, auf Krieg hinauslaufen.

Diese Analyse bestätigend verglich Goebbels den von ihm gewollten, immer wieder ausgeweiteten Krieg im September 1943 mit „einem in rasender Fahrt befindlichem D-Zug“: „Wer unterwegs aussteigt, wird sich das Genick brechen. [Der Krieg] hat Ausmaße angenommen, die es unter allen Umständen geraten erscheinen lassen, die Waffen in der Hand zu behalten und sein Leben mit allen Mitteln zu verteidigen. Wer die Waffen niederlegt, hat verloren und wird mitleidlos ausgeschieden.“

Gemäß dieser Logik wurden die Verhafteten der Weißen Rose am 22. Februar 1943 „mitleidlos ausgeschieden“. Nachdem die Todesurteile um 13.30 Uhr ergangen waren, wurden sie mittels Guillotine um 17.00 Uhr im Zuchthaus München-Stadelheim vollstreckt. Genau eine Stunde später trafen sich etwa 3000 Studentinnen und Studenten, das waren 75 Prozent aller Immatrikulierten, zu einer Kundgebung im Großen Hörsaal der LMU, die wegen Platzmangels per Lautsprecher in den Lichthof übertragen wurde. Gaustudentenführer Dr. Julius Dörfler forderte, derartige Hochverräter künftig an den nächsten Bäumen aufzuhängen und wurde nach fast jedem Satz „mit stürmischem Beifall“ bedacht. Die Versammelten bekundeten „ihre Verachtung gegen die Machenschaften“ ihrer soeben hingerichteten Kommilitonen und „ihren entschlossenen Kampf- und Siegeswillen, ihre unerschütterliche Treue und Hingabebereitschaft für Volk und Führer“. Soweit der offizielle Bericht des Rektors. Die damalige Studentin Li Magold bezeugte 1965: „Die Kundgebung im Auditorium Maximum gehört zu den schauerlichsten Erinnerungen, die mir aus jenen Tagen geblieben sind. Hunderte von Studenten johlten und trampelten dem Denunzianten und Pedell der Uni Beifall, und dieser nahm ihn stehend mit ausgestrecktem Arm entgegen.“

Während die akademische Jugend der LMU Beifall klatschten, notierte Joseph Goebbels geschäftsmäßig: „In München sind einige Studenten als Staatsfeinde entlarvt und zum Tode verurteilt worden. Ich bin dafür, dass die Todesurteile vollstreckt werden.“ In den „Münchner Neuesten Nachrichten“ erschien am 23. Februar eine Kurzmeldung, in denen die drei Hingerichteten knapp als, „Hochverräter“, „verworfene Subjekte“ und „charakteristische Einzelgänger“ gebrandmarkt wurden.

Einzelgänger blieben sie in der Tat. Insgesamt betrachtet, läuft unsere heutige Erinnerungspolitik darauf hinaus, sich mit den Opfern zu identifizieren. Parallel dazu werden die Täter zu schier außerirdischen Exekutoren stilisiert, und über die 3000 Jubelstudentinnen und – studenten ist noch nie systematisch geforscht oder ausführlich berichtet worden. Diese Art des Erinnerns legt nahe zu vergessen, wie sehr die eigenen Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern die Regierung Hitler lange aktiv unterstützt hatten, zu den mäßig überzeugten Mitläufern oder den zuverlässig passiven Stützen der Gewaltherrschaft gehört hatten.

Näher als Christoph Propst, Sophie Scholl und Hans Scholl stehen auch uns Heutigen diejenigen, die am 22. Februar 1943 im Audimax der LMU den justizförmigen Mord an drei Kommilitonen zustimmend oder angepasst mittelstark beklatschten und betrampelten. Wer wissen möchte, wie die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschland möglich wurden, der frage mit der Weißen Rose, warum die Deutschen in jenen „stumpfen, blöden Schlaf“ verfallen waren.

© Götz Aly

Es gilt das gesprochene Wort.


 

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