Geschwister-Scholl-Preis 2018 - Götz Aly

Laudatio von Patrick Bahners

Vor sechzehn Jahren, am 2. Dezember 2002, wurde hier in der Großen Aula der Universität der Geschwister-Scholl-Preis an Raul Hilberg verliehen. Der damals sechsundsiebzigjährige, fünf Jahre später verstorbene Pionier der Holocaustforschung hätte schon viel früher ausgezeichnet werden können. Sein epochemachendes, aus den Akten gearbeitetes Werk über „Die Vernichtung der europäischen Juden“ erschien in deutscher Sprache erst 1982, einundzwanzig Jahre nach dem amerikanischen Original. Aber weil es ein Berliner Kleinverlag war, der das Risiko der Übersetzung der 798 eng bedruckten Seiten auf sich genommen hatte, blieb diese Ausgabe fast ohne Resonanz in der deutschen Öffentlichkeit. Das änderte sich erst, als der Fischer-Verlag das Werk 1990 in sein Taschenbuchprogramm aufnahm – der Verlag, in dem auch das Buch erschienen ist, für das Götz Aly heute der Geschwister-Scholl-Preis des Jahres 2018 verliehen wird.

Die verzögerte Rezeption von Hilbergs Grundlagenforschung ist längst ihrerseits Thema der zeitgeschichtlichen Forschung geworden, als Exempel der Verdrängung, die das Verhältnis der Deutschen zu den vom Deutschen Reich ins Werk gesetzten Völkermorden über mehrere Generationen prägte. Dieses Verdrängen darf man sich ebenso wenig als anonymen Prozess, als schicksalhaftes Geschehen vorstellen wie das Verdrängte selbst, die Ketten von Handlungen und Unterlassungen, deren Bilanz sich auf Millionen von Ermordeten beläuft.

Hilbergs Buch war schließlich in der Welt, es lag auf den Schreibtischen von Experten, von Lektoren und Wissenschaftlern, die arbeitsteilig, wie es für die Verlagswelt charakteristisch ist, darüber entschieden, ob es eine deutsche Fassung geben sollte oder nicht. Die Entscheidung, keine deutsche Übersetzung in Auftrag zu geben, dafür lieber kein Geld auszugeben, wurde in den zwei Jahrzehnten zwischen dem Eichmann-Prozess und der Wahl des promovierten Historikers Helmut Kohl zum Bundeskanzler gleich mehrfach getroffen, in mehreren Verlagen, auch hier in der Verlagsstadt München.

Als vor einem Jahr in Berlin eine internationale Tagung über Leben und Werk von Raul Hilberg stattfand, sprach Götz Aly über dieses Thema: die Verhinderung der Eindeutschung von „The Destruction of the European Jews“ und die Rolle, die dabei eine für Forschungen zu den Verbrechen der Hitlerzeit von Amts wegen zuständige Institution spielte, das Institut für Zeitgeschichte. Das Institut wurde 1949 unter dem Namen Deutsches Institut für Geschichte der nationalsozialistischen Zeit hier in München gegründet und hat einen doppelten Auftrag. Es betreibt nicht nur eigene Forschungen, sondern soll auf die öffentliche Diskussion über Lektionen aus der nationalsozialistischen Zeit aufklärerisch einwirken.

1963 hatte der Droemer Knaur Verlag die deutschen Rechte an Hilberg Buch erworben. Zwei Jahre später kündigte Droemer Knaur den Vertrag. Im Kündigungsbrief wurde der Verzicht auf die Publikation als Vorsichtsmaßnahme dargestellt – zur Abwehr des Antisemitismus. Wie der Cheflektor Fritz Bolle dem Autor erläuterte, könnten dessen Erkenntnisse über die Funktion der Judenräte bei der Organisation der Deportationen von „Böswilligen“ benutzt werden. Es sei daher politisch geboten, das Buch den Deutschen vorzuenthalten – „trotz der grauenhaften Details über die Vernichtung der Juden“.

Fritz Bolle war Götz Aly schon einmal begegnet, in ganz anderen Akten, im Zusammenhang seiner Forschungen über die Zwangsarbeit, den mörderischen Menschenverbrauch der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft. Bis zum 13. April 1945 hatte Bolle als Direktionsassistent einer unterirdischen Triebwerksfabrik in Thüringen gearbeitet, in der Hunderte von Sklavenarbeitern aus dem Konzentrationslager Buchenwald zu Tode kamen. Seit 2015 ist bekannt, dass Droemer Knaur sich bei der Auflösung des Lizenzvertrags auf ein negatives Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte stützen konnte.

1979 strahlte das Erste Programm des deutschen Fernsehens die amerikanische Serie „Holocaust“ aus. Wegen des großen Erfolges dieses Importprodukts erwog der Verlag C. H. Beck, Hilbergs Standardwerk ins Programm zu nehmen. Zwei Jahrzehnte später brachte Beck das zweibändige Werk „Das Dritte Reich und die Juden“ von Saul Friedländer heraus, für dessen ersten Band Friedländer den Geschwister-Scholl-Preis des Jahres 1998 erhielt. Beck hat das gebildete Lesepublikum für die Geschichtswissenschaft zurückgewonnen; der Münchner Verlag ist heute das Stammhaus für die prominentesten Fachhistoriker wie Hans-Ulrich Wehler, Heinrich August Winkler und Ulrich Herbert. Die Neuorientierung des Verlagsprogramms, die Wiederentdeckung der Geschichte, hätte auch mit Raul Hilberg einsetzen können statt mit Thomas Nipperdeys „Deutscher Geschichte“ von Napoleon bis Bismarck. Warum wurde diese Chance verpasst?

Zur Vorbereitung seines Vortrags auf der Berliner Hilberg-Tagung reiste Götz Aly nach München und sprach im Institut für Zeitgeschichte vor. Er wusste nicht, was er dort finden würde, denn es war ungewiss, ob er etwas finden würde. Mit dem Antritt dieser Reise handelte er nach der Maxime, die ihn auch bei der Arbeit an der langen Serie seiner Bücher geleitet hat, der Untersuchungen über die Euthanasiemorde, den Entscheidungsweg zum Holocaust und den Volkswohlfahrtsstaat der Nationalsozialisten. Alle diese Bücher nahmen von unbekannten Quellen ihren Ausgang. Alys Maxime lautet: Man kann ja nie wissen.

So ging er in die Bibliothek des Instituts für Zeitgeschichte, trug sich ins Benutzerverzeichnis ein und bat um Vorlage der Raul Hilberg betreffenden Institutsakten. Und siehe da: Er wurde fündig. Eine der Akten, die man ihm aushändigte, enthielt ein Gutachten, welches das Institut für Zeitgeschichte im Auftrag des Verlags C. H. Beck erstellt und am 1. Februar 1980 abgeliefert hatte. Der Tenor: Bald nach dem Erscheinen der Originalausgabe von 1961 wäre eine Übersetzung „zweifellos sinnvoll und – unter politisch-pädagogischem Aspekt – hilfreich gewesen“. Doch inzwischen sei das Werk veraltet, weil es die Ergebnisse der seither publizierten „Spezialliteratur“ nicht berücksichtige.

1964 hatte das Institut von einer deutschen Ausgabe abgeraten, weil „die wesentlichsten, wenn auch nicht alle Fakten über die Endlösung dem deutschen Publikum“ ohnehin schon „vertraut“ seien. Das spätere Urteil, dass eine deutsche Fassung im Gegenteil zweifellos sinnvoll gewesen wäre, lässt sich bei wohlwollender Bewertung als Ergebnis eines Lernprozesses bezeichnen. Leider eines nur zu typischen, nämlich hoffnungslos verspäteten Lernprozesses, aus dem für die Praxis nichts mehr folgen sollte.

Ob die Kriterien für einen Lernerfolg wenigstens im kognitiven Sinne erfüllt sind, ist überdies zweifelhaft: Was in den Akten fehlt, ist ein Eingeständnis des eigenen früheren Irrtums. Vergesslichkeit kann dieses Versäumnis nicht erklären. Die mit der Ausarbeitung des Gutachtens von 1980 befasste Institutsmitarbeiterin erwähnte, dass sie selbst 1964 eine Teilübersetzung von Hilbergs Buch für institutsinterne Zwecke angefertigt hatte. Typisch für den Realismus des Sozialhistorikers Aly ist die Beobachtung, dass einer der wenigen damals im Institut beschäftigten Frauen besonders undankbare Aufgaben übertragen wurden, zunächst die Arbeitsübersetzung eines Hilfsmittels und später eine Rezension für den Dienstgebrauch.

Aly war nie in einem Forschungsinstitut angestellt, sondern hat in Berlin als Leiter eines Jugendheims in staatlicher Trägerschaft gearbeitet, bis zu seiner Entlassung aufgrund des Radikalenerlasses der Regierung Brandt, sowie in Zeitungsredaktionen, als einer der Gründer der „taz“ und nach der Wiedervereinigung bei der „Berliner Zeitung“. Dort gehörte er zu einem Kreis von Journalisten mit einem besonderen Talent für den kunstgerechten, auch polemischen Disput, die den Auftrag hatten, die einstige Ost-Berliner Bezirkszeitung der SED, das Hausblatt der abgewickelten Regierungsschicht, auf dem Weg einer Revolution von oben umzukrempeln. In Anspielung auf die Münchner „Nordlichter“, die Professoren, die König Maximilian II. nach Bayern holte, um den Anschluss an die protestantische Wissenschaftskultur herzustellen, möchte ich die Kollegen, zu denen Jens Jessen und Gustav Seibt zählten, die Berliner Westlichter nennen.

Alys Erfahrungen in der Arbeit für das Amt für Jugendpflege der Abteilung Jugend und Sport des Bezirksamts Spandau lieferten den Stoff der sozialwissenschaftlichen Doktorarbeit, die er 1978 an der Freien Universität Berlin einreichte. Aly weiß: Arbeitsorganisation ist eine Sache der Machtverteilung, gerade dort, wo der Einsatz für eine gemeinsame Sache die Arbeitskräfte motivieren soll. So möchte er die langjährige Blockade von Hilbergs deutschem Lesermarktzugang durch die Torwächter des Instituts für Zeitgeschichte auch nicht mit ideologischen Motiven des Institutspersonals erklären, dem Willen, den Holocaust zu leugnen oder wenigstens kleinzureden, sondern aus einer nicht weiter geheimnisvollen Verhaltensdisposition: dem Interesse an der Abwehr eines auf dem gleichen Forschungsfeld arbeitenden Konkurrenten.

Die Einhegung lästiger Konkurrenz ist ein Leitmotiv von Alys Untersuchungen zur Genese der Theorie und Praxis des Antisemitismus, auch in seinem 2017 erschienenen, mit dem diesjährigen Geschwister-Scholl-Preis gewürdigten Buch „Europa gegen die Juden“. Ein Numerus clausus für jüdische Studenten oder Zulassungsbeschränkungen für jüdische Rechtsanwälte und Ärzte: Solche Einschränkungen der Gleichheit vor dem Gesetz, zeigt Aly, wurden schon vor 1933 in vielen europäischen Ländern eingeführt oder doch eingefordert. Nicht nur die Deutschen nahmen die Juden als besonders fleißig und besonders schlau und daher als gefährlich wahr – und an dieser Wahrnehmung war tatsächlich etwas Wahres. Denn Juden wurden nicht in die Netzwerke des Führungskräftenachwuchses hineingeboren, sondern mussten sich in den ersten Generationen nach der Emanzipation ihre Stellung erst erarbeiten. Typischerweise setzten sie alles auf die Bildung.

Der Gegensatz zwischen dem eifrigen jüdischen Außenseiter und dem Establishment, das nicht auf ihn gewartet hat, begegnet nun im Fall von Einzelforschern wie Joseph Wulf und Hans G. Adler, die sich früh um eine Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte bemühten, in einer makabren, wenn bei diesem Gegenstand Abstufungen erlaubt sind, einer besonders perversen Variante. Denn der Arbeitseifer dieser gelehrten Jäger und Sammler hatte seinen Grund in ihren Lebensgeschichten – Überlebensgeschichten: Ihrem Startvorteil eines besonderen persönlichen Interesses am Thema korrespondierte die Befangenheit der vom deutschen Staat alimentierten Institutshistoriker, die ihre Arbeiten rezensierten und begutachteten.

In diesen Gutachten fand eine Verschiebung des Handicaps statt: Den Sachwaltern der Opfer wurde bescheinigt, man könne von ihnen keine wissenschaftliche Objektivität erwarten. Ein Mangel an formaler professioneller Bildung wurde Autoren vorgehalten, die unter die nur durch den Sieg der Alliierten aufgehobenen Berufsverbote für Juden gefallen waren. Nach dem Schema des vermeintlichen Gegensatzes von wissenschaftlicher Sachlichkeit und persönlicher Opferperspektive wehrte das Institut für Zeitgeschichte noch Anfang 2016 die prinzipielle Kritik ab, die der Germanist Jeremy Adler, der Sohn von Hans G. Adler, an der kommentierten Ausgabe von „Mein Kampf“ angebracht hatte.

Aly hat in diesem zweibändigen Kommentar Spuren des Habitus ausgemacht, der sich im Münchner Umgang mit Hilberg zeigte, einer Mischung aus „Angst und Dünkel“: Penibel weise man „Hitlers Lügen, Irrtümer und Halbbildung“ nach, „als ob das entscheidend“ wäre – „und nicht die Tatsache, dass ein Gros der deutschen Akademiker einschließlich der Juristen und Historiker ihm als Führer folgten“.

Wo man Gefolgschaft erwartet, wird Avantgardismus prämiert. Eine der klärenden Kontroversen, die Götz Aly dank dem ganz und gar auf Arbeit beruhenden Finderglück des Quellenforschers auslöste, betraf die Historiker unter Hitler. Gemeinsam mit Susanne Heim, die 2013 die Laudatio auf den Geschwister-Scholl-Preisträger Otto Dov Kulka hielt, wies Aly nach, dass unter den „Vordenkern der Vernichtung“, den Planungseuphorikern einer Lebensraumpolitik aus der universitären Schublade, auch spätere Protagonisten einer Modernisierung der deutschen Geschichtswissenschaft gewesen waren.

Auf dem Frankfurter Historikertag von 1998, auf dem Aly und die nach eigenem Selbstverständnis besonders „kritischen“ Schüler dieser Professoren aufeinandertrafen, wurde es laut wie auf studentischen Vollversammlungen dreißig Jahre zuvor. Reichen Stoff für Alys Sarkasmus bot ein akademischer Großunternehmer wie Hans-Ulrich Wehler, der in der reformuniversitären Gründerzeit die Losung ausgegeben hatte, dass jeder Wissenschaftler seine Vorurteile in die Vorworte schreiben müsse, und der nun seinem verstorbenen Lehrer Theodor Schieder den impliziten Lernprozess der stillschweigenden Wandlung zum Demokraten zugutehielt.

Aly, 1947 geboren und damit sechzehn Jahre jünger als Wehler, verkörpert sozusagen, wie man in seiner Jugend gesagt hätte, das unabgegoltene utopische Potential der „kritischen“ Historikerschule. Denn bei Götz Aly ist alles explizit. Will sagen: ausbuchstabiert, belegt und begründet, in der Wortwahl deutlich oder vorsichtshalber lieber überdeutlich.

Eine Sache ausdiskutieren! Wer bei Achtundsechzigern in die Schule gegangen ist, wird diese Forderung wohl stets mit einem gewissen Unbehagen vernehmen. Götz Aly, geschult in den Fraktionskämpfen des Berliner Linksradikalismus der frühen siebziger Jahre, kann sie nicht schrecken: Er hält in alter Frische bis zum Ende jeder Debatte durch, weil er immer noch einmal etwas Neues parat hat, und zwar etwas wirklich Neues, ein dialektisches Argument, das eine Änderung der Blickrichtung vorschlägt, oder eine bislang unbeachtete Quelle.

Raul Hilberg stellte 2002 an den Anfang seiner Dankesrede für den Geschwister-Scholl-Preis den Gedanken, dass die Geschichtsforschung gar nicht so leicht sagen kann, „aus welchen Erwägungen in der damaligen Zeit irgendein Widerstand überhaupt zu Stande kam“. Denn wo er gewagt wurde, ist eines offensichtlich: „Die Teilnehmer waren sich im Klaren, was sie zu tun hatten.“

Eines der schönsten Denkmäler des Widerstands gegen die deutschen Besatzer ist die Comicserie „Asterix“ von René Goscinny und Albert Uderzo. Der Geist der Résistance hat sich hier mit unwiderstehlicher Eleganz verewigt, im Modus der Selbstironie. Im ersten Album entführen die Römer den Druiden Miraculix, den Oberpriester, Chefintellektuellen und Hüter der Überlieferung des gallischen Dorfes. Im römischen Lager Kleinbonum liegt Miraculix angekettet auf einem Folterbrett in einem Zelt, vor dem Tag und Nacht zwei Schildwachen postiert sind. Wie soll Asterix zu ihm gelangen? Er schleicht sich in der Nacht ins Lager und spaziert zwischen den Wachtposten hindurch ins Zelt des Gefangenen. Die Wächter begrüßt er höflich, indem er die Absicht seines Besuches explizit macht: „Ist’s gestattet? Ich will nur meinen Freund Miraculix befreien.“ Er ist sich im Klaren, was er zu tun hat. Vorher haben wir in einer Denkblase das Motto lesen können, unter das der gewitzte Partisan seine Operation gestellt hat: „Frechheit siegt!“

Das, meine Damen und Herren, ist auch die Devise unseres heutigen Preisträgers, der gallischen Witz in die engen gotischen Zimmer der deutschen Wissenschaft hineinträgt. Frechheit siegt: In dieser Überzeugung muss Götz Aly an seine Arbeit gehen, weil er ein Einzelkämpfer ist. Wenn er eine Akte aus dem Institut für Zeitgeschichte benötigt, kann er keine Hilfskraft schicken. Er muss sich schon selbst herbemühen und selbst hineinspazieren in den brutalistischen Bunker des Institutsgebäudes in der Leonrodstraße. In Berlin sitzt Aly nicht auf einem Feldherrnlehrstuhl, von dem aus er ein Heer von Doktoranden dirigieren könnte und mit Drittmitteln angeworbene Hilfstruppen von Söldnern. Ohne allen Apparat hat er es immer wieder mit einer Übermacht zünftiger Historiker aufgenommen, die beim gemeinschaftlichen Angriff die aus dem Album „Asterix und Kleopatra“ bekannte gefürchtete Schildkrötenpanzer-Taktik der römischen Legionäre anwenden und beim individuellen Rückzug die wirkungsvolle Hasenfuß-Taktik.

Nun mag man meinen, es sei doch keine Frechheit, in einem vom Staat unterhaltenen Forschungsinstitut die Herausgabe einer Akte zu verlangen. Aber wenn Aly findigen Gebrauch von seiner wissenschaftlichen Freiheit machte, trug ihm das immer wieder den Vorwurf der Beleidigung akademischer Majestäten ein.

Andreas Wirsching, der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Nachfolger und Schüler von Horst Möller, der 1980 dem Beck-Verlag das abratende Gutachten zu Hilberg übersandt hatte, antwortete in einem Zeitungsartikel auf Alys Hilberg-Vortrag, den die „Süddeutsche Zeitung“ noch während der Tagung gedruckt hatte. Wirsching bezichtigte Aly, einen Eklat vom Zaun gebrochen zu haben durch Skandalisierung eines längst bekannten „Gutachtenfragments aus den frühen Sechzigerjahren“. Dass Aly ein weiteres, späteres, bislang unbekanntes Gutachten bekannt machte, unterschlug der Direktor. Man sieht: Alys Frechheit ist notwendig als Abwehrwaffe gegen solche Dreistigkeit, gegen das unfeine Schweigen, das die Behäbigkeit eines in amtlichem Auftrag tätigen Forschungsbetriebs kaschiert, dessen Manager sich auch zum Diskussionsmanagement berufen glauben.

Hans Mommsen belegte in seiner Laudatio auf Raul Hilberg die Produktivität von dessen Anstößen unter anderem mit der „Intensivierung der Regionalstudien“, wie sie die „unentbehrlich gewordenen Untersuchungen von Götz Aly“ dokumentierten. Statt von Regionalisierung kann man auch von Europäisierung der Holocaustforschung sprechen und dasselbe damit meinen. Es geht um Untersuchungen, die einerseits am Ort des mörderischen Geschehens ansetzen und die lokalen Entscheidungsabläufe ermitteln. Andererseits richtet Aly seinen Blick auf europäische Voraussetzungen der deutschen Taten, auf ethnische Mustersäuberungen oder flüchtlingspolitische Wegmarken. Die Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden zu schreiben heißt Wechselwirkungen und Kettenreaktionen zu studieren.

Eine Summe dieser Studien Götz Alys zieht sein Buch „Europa gegen die Juden“, wie alle seine Bücher ein originärer Beitrag zur Forschung, der aus unbekannten Quellen schöpft, und zugleich wie alle seine Bücher an uns alle gerichtet, an das große, demokratische Publikum.

Mommsen wies vor sechzehn Jahren darauf hin, dass man noch in der damals neuesten deutschen Forschung den Vorwurf gegen Hilberg finde, dessen Betonung der „arbeitsteiligen Täterschaft“ verdecke die individuelle Verantwortlichkeit. Das Gegenteil ist richtig, und das gilt für Aly ebenso wie für Hilberg. Nur wer das Arbeitsteilige der Planung, Begehung und Ausnutzung der Tat erkennt, kann die individuellen Tatanteile bemessen. In seinen Bilanzüberschlägen zum millionenfachen Raubmord hat Götz Aly uns vor Augen geführt, dass kein deutscher Staatsbürger sich heute davon freisprechen kann, vom Holocaust möglicherweise profitiert zu haben. Es bleibt die Schuld, die von allen beglichen werden muss. Götz Aly ist sein Arbeitsleben lang in Vorleistung getreten. Wir zeichnen heute „Europa gegen die Juden“ aus, aber sein nächstes Buch zum Thema ist schon fast fertig.

 

© Patrick Bahners

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Die Rede ist urheberrechtlich geschützt. Wenn Sie die Rede oder Teile daraus für eine Veröffentlichung nutzen möchten, wenden Sie sich bitte an die Geschäftsstelle des Börsenvereins - Landesverband Bayern. Wir sind Ihnen bei der Klärung der Rechtefrage gerne behilflich.

 

Landenshauptstadt München Börsenverein des Deutschen Buchhandels | Bayern Literaturfest München

Börsenverein des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V.

Literaturhaus/Salvatorplatz 1, 80333 München
Tel. 089 / 29 19 42 41, Fax 089 / 29 19 42 49
info@buchhandel-bayern.de, www.buchhandel-bayern.de