Fotos © Yves Krier

Preisträger 2018

Götz Aly

Götz Aly
„Europa gegen die Juden. 1880 - 1945“


S. Fischer
München 2017
432 Seiten, € 26,00
ISBN: 978-3-10-000428-4

 

Begründung der Jury

"Die Erforschung der Verbrechen des Nationalsozialismus hat der Historiker Götz Aly mit bedeutenden Büchern vorangetrieben, darunter ‚Vordenker der Vernichtung‘ (1991, mit Susanne Heim), ‚Hitlers Volksstaat‘ (2005) und ‚Warum die Deutschen, warum die Juden?‘ (2011). In seinem jüngsten Buch ‚Europa gegen die Juden. 1880-1945‘ zieht er eine Art von Summe – indem er eine markante These zu den Möglichkeitsbedingungen des Holocaust umfassend belegt und begründet, mit ganz Europa im Blick. Der Antisemitismus war demnach nicht die Sache einer Minderheit von irrationalem Hass getriebener Fanatiker. Für die Verdrängung der Juden aus dem bürgerlichen Leben gab es rationale Gründe – rational im Sinne von: erklärbar, aus den materiellen Interessen derjenigen, die von der Beseitigung der Konkurrenz profitierten. Mit verblüffendem Effekt zitiert Aly aus der prophetischen Geschichtsschreibung des bayerischen Finanzbeamten Siegfried Lichtenstaedter, der 1942 in Theresienstadt ermordet wurde. Es war möglich, den Holocaust vorauszusagen. Dann hätte er auch verhindert werden können. Und dann sollte es wenigstens möglich sein, ihn zu erklären.

Der Neid auf die als besonders tüchtig wahrgenommenen Juden ist auch nach Aly nicht die einzige Ursache dafür, dass Vorurteile im Völkermord kulminierten. Aber von dieser Ursache ist zu selten die Rede: So hässlich der Neid aussieht, er ist mit Werten verknüpft, die heute noch hochgehalten werden. Einwanderungsbeschränkungen und Berufsverbote waren sozialpolitische Maßnahmen, die in Gesellschaften des massenhaften sozialen Aufstiegs im Namen der Chancengleichheit ergriffen wurden. Heute wird in der Flüchtlingspolitik ein Widerstreit zwischen humanitären Imperativen und sozialstaatlichen Besitzständen beschworen. Alys Kapitel über die Konferenz von Évian 1938 liest sich in diesem Sinne als Lehrstück. Welche Lehre daraus zu ziehen ist, müssen Leserinnen und Leser selbst entscheiden. In einem Zeitungsartikel über Évian hat Aly in diesem Sinne den Historiker Aly vom Bürger Aly unterschieden.

Der Historiker hat die Forschung als Außenseiter geprägt, ohne Lehrstuhl und Apparat. Der Bürger sucht als Publizist den Streit, weil er auf dessen klärende Wirkung setzt. Manchmal streitet der Historiker Aly sogar mit dem Bürger Aly. Auch damit setzt Götz Aly ein Beispiel für geistige Unabhängigkeit und intellektuellen Mut.“

 

Der Preisträger

Götz Aly, geboren 1947, ist Historiker und Journalist. Er arbeitete u.a. für die »taz«, die »Berliner Zeitung« und als Gastprofessor. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt.

© Andreas Labes  

 

Landenshauptstadt München Börsenverein des Deutschen Buchhandels | Bayern Literaturfest München

Börsenverein des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V.

Literaturhaus/Salvatorplatz 1, 80333 München
Tel. 089 / 29 19 42 41, Fax 089 / 29 19 42 49
info@buchhandel-bayern.de, www.buchhandel-bayern.de