Geschwister-Scholl-Preis 2018 - Götz Aly

Ansprache von Dieter Reiter

Ich begrüße Sie zur Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises 2018, den die Landeshauptstadt München zusammen mit dem Landesverband Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels vergibt. Zum 39. Mal wird damit heuer ein Buch prämiert, „das von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen und intellektuellen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben“. Und das dabei im weitesten Sinne an das Vermächtnis der Geschwister Scholl erinnert.

Der Geburtstag von Hans Scholl hat sich vor rund zwei Monaten zum 100. Mal gejährt. Als Mitbegründer und prägendes Mitglied der Weißen Rose hat Hans Scholl zusammen mit Alexander Schmorell Flugblätter gegen das NS-Regime verfasst. Auch seine Schwester Sophie schloss sich der Widerstandsgruppe an. Am 18. Februar 1943 wurden die Geschwister beim Verteilen des Stalingrad-Flugblattes in der Münchner Universität vom Hausmeister entdeckt und an die Gestapo ausgeliefert. Hans Scholl wurde im ersten Prozess vor dem Volksgerichtshof unter dem Vorsitz Roland Freislers zusammen mit seiner Schwester Sophie und dem mit ihm befreundeten Christoph Probst zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet. Hans Scholls letzte Worte waren: „Es lebe die Freiheit!“ Das war heuer im Februar vor genau 75 Jahren.

Worte waren die einzigen Waffen des Widerstandskämpfers Hans Scholl. Und das freie Äußern dieser Worte, seiner Meinung und der Wahrheit hat er mit dem Leben bezahlt. Er und die anderen Mitglieder der Weißen Rose sind moralische Vorbilder, Helden der Zivilcourage, die mutig die Verbrechen der Nationalsozialisten beim Namen nannten, während die große Mehrheit geschwiegen hat.

Die Flugblätter der Weißen Rose geben davon beredtes Zeugnis – auch was den Holocaust betrifft. Zu einer Zeit, als die meisten Deutschen weggeschaut oder ihre Mitschuld verdrängt haben oder gleichgültig geblieben sind, da haben Hans Scholl und Alexander Schmorell den Massenmord an den Juden angeprangert. Im zweiten Flugblatt vom Sommer 1942 heißt es dazu unter anderem: „Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann.“

Dieses einmalige Menschheitsverbrechen steht auch im Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit von Götz Aly. Wobei seine Forschung um die Frage kreist, wie der Mord an sechs Millionen Juden hat geschehen können. Und dabei stellt der Historiker immer wieder unbequeme Fragen. Denn seine Antworten liegen abseits einer Metaphysik des Bösen oder der Beschwörung der Unerklärbarkeit. Stattdessen verweist er auf die Abgründe, die in der Normalität liegen, auf die Rationalität und die materiellen Interessen, die hinter der Vernichtungspolitik standen.

Götz Aly geht es um die alltägliche Begründung des Grauens. Und dazu nimmt er die einfachen Motive in den Blick: Kleinmut, Vorteilsnahme und Angst vor Freiheit und Verantwortung. Von Großtheorien, die immer auch die Möglichkeit zur Entlastung bieten, hält er dagegen wenig. Paradebeispiel dafür ist sein bis jetzt wohl erfolgreichstes Buch, „Hitlers Volksstaat“ von 2005, in dem er den NS-Staat als „Gefälligkeitsdiktatur“ bezeichnet, die sich durch Umverteilung und sozialpolitische Wohltaten vor allem die Loyalität der Mehrheitsbevölkerung gesichert habe. Finanziert freilich unter anderem durch die Ausplünderung der Juden und die Ausbeutung der besetzten Länder.

Mit seinen mutigen Thesen hat Götz Aly einige Gewissheiten der Holocaustforschung ins Wanken gebracht und zu neuen Erkenntnissen geführt. Aber natürlich ist er auch Reizfigur als Quereinsteiger ohne Lehrstuhl und Apparat. Und wird infolgedessen immer wieder zumindest kontrovers diskutiert, wenn nicht sogar von scharfem Widerspruch begleitet. In jedem Fall aber beleben seine Quellenfunde, seine akribisch herausgearbeiteten Thesen und sein zuspitzendes Temperament das Forschungsfeld immer wieder aufs Neue.

Und natürlich ist sich Götz Aly in dieser Hinsicht auch mit seinem jüngsten Buch treu geblieben, mit „Europa gegen die Juden 1880-1945“, das wir heute mit dem Geschwister-Scholl-Preis auszeichnen und das den Blick weitet auf die europäische Dimension und die Kontinuitäten von Diskriminierung, Verfolgung und Gewalt gegen Juden. Auch für diese Publikation hat Götz Aly neben viel Anerkennung auch harsche Kritik geerntet und sich damit einmal mehr als der „fortwirkende Ruhestörer im Gedankenhaushalt der Nation“ gezeigt, als den man ihn bezeichnet hat. Und als den man ihn schätzen gelernt hat, denn gemeint ist das selbstverständlich als Kompliment und genauso meine ich es auch.

In diesem Sinne gratuliere ich Ihnen, sehr geehrter Herr Aly, ganz herzlich zum Geschwister-Scholl-Preis 2018!

© Dieter Reiter, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München

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