Geschwister-Scholl-Preis 2018 - Götz Aly

Ansprache von Michael Then

Guten Abend verehrte Gäste, herzlich Willkommen zur Verleihung des Geschwister Scholl Preises 2018. Ich begrüße besonders den Oberbürgermeister der Stadt München, Herrn Dieter Reiter, den Laudator Patrick Bahners und vor allem Sie verehrter Götz Aly, dem ich als Vorsitzender des Börsenvereins Landesverband Bayern besonders herzlich zu diesem Preis gratuliere. Dieses Jahr zeichnen wir einen Denker aus, für den es im Jiddischen einen wunderbaren Ausdruck gibt: Penmentsch. Mit dem Federmenschen, so die Übersetzung, ist der Literat, der Homme de Lettre gemeint, denn, so ein jiddisches Sprichwort, „Die Feder schießt schärfer als ein Pfeil.“ Und ich möchte hinzufügen, dass mit der Schärfe nicht die Polemik, sondern die Tiefe der Analyse gemeint ist.

Sie, verehrter Götz Aly, haben zu Recht darauf hingewiesen, dass der Neid auf die als besonders tüchtig wahrgenommenen Juden nicht die einzige Ursache dafür ist, dass Vorurteile im Völkermord kulminierten. Da der Neid aber ein wichtiger Baustein war, über den zumeist geschwiegen wird, nehme ich den heutigen Abend zum Anlass, um darüber zu sprechen.

Neid, meine sehr geehrten Damen und Herren, war für den Philosophen Arthur Schopenhauer eine "giftige Kröte", für Shakespeare ein "grünäugiges Monster" und für die katholische Kirche eine Todsünde.

Der Neid und seine Kinder, die Schadenfreude, üble Nachrede, Intoleranz, Denunziation, namenlose Bosheit, kaltblütige, aber heimliche Feindseligkeit, ohnmächtiges Begehren, verborgener Groll und Gehässigkeit heißen, führen letztendlich, wie schon Erich Kästner bemerkte:

Der Neid, der keinen Weg sieht, begibt sich auf den einzigen Ausweg: ins Verbrechen.

Wie eng Neid und Antisemitismus miteinander verbunden sind, belegt Götz Aly in seinen Büchern eindrücklich. Die Ursachen und Folgen hat der Autor bereits mit seinem 2011 erschienenen Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800 – 1933“ beschrieben und er setzt die Analyse in seinem aktuellen Buch „Europa gegen Juden. 1880-1945“ fort. Wie ein roter Faden zieht sich die Beschäftigung mit dieser „giftigen Kröte“ durch seine Arbeiten.

Antisemitismus aus Neid. „Kauft nicht bei Juden“ war schon 1884 die Parole mit der in der Ukraine die ersten Pogrome begannen. Verbunden wurde der Neid mit Ausgrenzung und Regulierung. In immer wieder neuen Gesetzen und Verordnungen begann die schleichende Isolierung der Juden. Befeuert wurde Europas Hass auf die Juden von einem übersteigerten Nationalismus. Er prägte das Denken in ethnischen Kategorien – und damit wurden Juden zu einer Gruppe abgestempelt, die angeblich ‚anders‘ sei. Erst als eine solche Gruppe konnten sie vollends ins Fadenkreuz geraten. Und in ihnen fand die menschenverachtende Mischung aus Neid und Nationalismus ihre wehrlosesten Opfer.

Die Statuten des Geschwister Scholl Preises legen fest, dass Bücher ausgezeichnet werden sollen, die bürgerliche Freiheit und moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut fördern.

Heißt, dass die ausgezeichneten Bücher, auch wenn sie historische Stoffe behandeln, einen Bezug zum Verständnis der Gegenwart, ja vielleicht der Zukunft herstellen. Gemeint ist damit aber nicht der einfache Analogieschluss, dass die historische Untersuchung von Götz Aly dazu dient, den heutigen Antisemitismus zu erklären. Grundsätzlich ist der Autor skeptisch bei der Frage nach den aktuellen Bezügen, muss er doch süffisant konstatieren:

Wir lernen aus dem Dritten Reich nur wenig für die Gegenwart, die ist immer anders. Thilo Sarrazin zum Beispiel liebt die zuwandernden Juden ausdrücklich wegen ihrer Intelligenz.

Entscheidender ist aber, was die ausgezeichneten Bücher dem Leser sagen und inwieweit die Beantwortung der Frage, warum die sicherlich emotional nicht einfache Lektüre dem Leser wobei helfen könnte? Mit diesen Fragen stoßen wir zum Kern des Preises vor und dem kleinen Wort „fördern“. Bücher wie die von Götz Aly sollen eine Hilfestellung sein, dem Leser, der Leserin also/bzw. auch dem politisch denkenden und handelnden Menschen das Verstehen zu erleichtern.

Mit Verstehen ist nicht gemeint, dass damit irgendetwas entschuldigt ist, sondern lediglich ein Prozess beschrieben, der das Zusammenleben der Menschen überhaupt erst ermöglicht, kommt doch nach dem Verstehen, das Zuhören und Reden, und wir alle sehen, dass überall da, wo das Reden endet, Gewalt beginnt.

Hannah Arendt hat in ihrem Essay „Verstehen und Politik“ zu Recht darauf verwiesen, dass dieser Prozess oftmals dahingehend verwechselt wird, dass „viele Wohlmeinende denken, dass Bücher Waffen sein könnten und denken, man könne mit Worten kämpfen. Waffen aber und das Kämpfen gehören zum Betätigungsfeld der Gewalt, und Gewalt ist im Unterschied zu Macht stumm (...) Worte, die zum Zwecke des Kämpfens benutzt werden, verlieren ihre Redequalität, sie werden Klischees. Das Ausmaß, in dem sich Klischees in unsere gewöhnliche Sprache und alltäglichen Diskussionen eingeschlichen haben, mag sehr wohl anzeigen, bis zu welchem Grad wir uns nicht nur der Fähigkeit der Rede beraubt haben, sondern auch bereit sind, Gewaltmittel, die noch wirkungsvoller sind als schlechte Bücher (ohnehin können nur schlechte Bücher gute Waffen sein), zur Beilegung unserer Meinungsverschiedenheiten zu gebrauchen.

Genau das Gegenteil zeichnen die Bücher von Götz Aly aus, sie helfen uns zu verstehen, jenseits von Klischees. Sie sind geschriebenes Wissen. Nur zur Sicherheit: Wissen und Verstehen sind nicht dasselbe, aber sie sind miteinander verbunden. Verstehen ist auf Wissen aufgebaut, und Wissen kann nicht ohne vorausgehendes Verstehen passieren, heißt: nur wenn ich beide Seiten einer Medaille in meinen Betrachtungen zulasse, kann ich verstehen. Nichts ist dafür besser geeignet als Bücher und Lesen. Durch die Bücher des Preisträgers erlesen wir uns Wissen, dass uns hilft zu verstehen, wie Neid und Antisemitismus eine unheilvolle Verbindung Ende des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts eingingen und so der Treibstoff für über 2000 Pogrome wurden, aber auch für den Holocaust, und da sind die Worte von Götz Aly klar und eindeutig:

„Mehrheitlich fanden es die Deutschen aber wünschenswert, dass diese vorlauten, sich angeblich vordrängelnden Juden einen Dämpfer bekommen sollten“,

so Götz Aly in einem Interview zu seinem Buch. Genau diese Aufgabe übertrugen sie 1933 dem nationalsozialistisch geführten Staat:

„Neid entsteht aus Schwäche, Kleinmut, mangelndem Selbstvertrauen, selbstempfundener Unterlegenheit und überspanntem Ehrgeiz, deswegen verbirgt der Neider seinen unschönen Charakterzug schamhaft. Er lehnt lauthals ab, es dem Beneideten gleichzutun. […] geht es ihm an den Kragen, genießt der Neider stille Schadenfreude. […] Die Leute haben ihren Hass 1933 – ihren verborgenen Hass, ihren kleinen bösen Neid – an den Staat abgetreten, sozusagen die Vollmacht erteilt: Mach doch du, lieber Staatsapparat, mit den Juden, was ihnen gebührt – uns kümmert das nicht so genau.“

So werden die Mechanismen sichtbar und wir sehen plötzlich die Bezüge zur Gegenwart, ohne dass Geschichte dahingehend missbraucht werden kann, das eigene Verhalten zu entschuldigen oder historische Ereignisse zu relativeren.

Damit wird aber auch klar, dass „Fliegenschiss“, „Asyltourismus“,“ Lügenpresse“ oder „Sozialschmarotzer“ kein Wissen und Verstehen implizieren, sondern lediglich auf den Intellekt des Sprechers verweisen und seine Absichten.

Neid und Antisemitismus gedeihen, wenn wir schweigen und die Zeichen der Zeit ignorieren. Einwanderungsbeschränkungen und Berufsverbote waren sozialpolitische Maßnahmen, die in Gesellschaften des massenhaften sozialen Aufstiegs im Namen der Chancengleichheit im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ergriffen wurden. Heute wird in der Flüchtlingspolitik ein Widerstreit zwischen humanitären Imperativen und sozialstaatlichen Besitzständen beschworen. Alys Kapitel über die Konferenz von Évian 1938 liest sich in diesem Sinne wie ein Lehrstück.

Eine Beobachterin der Konferenz war die spätere Ministerpräsidentin Israels Golda Meïr. Sie schrieb nach dem Krieg in ihrer Autobiographie „Mein Leben“, dass das Versagen der Politiker, in der Unfähigkeit der Delegierten lag, die Größe und Dringlichkeit des Problems zu begreifen:

„Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich Leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung. […] Ich hatte Lust, aufzustehen und sie alle anzuschreien: Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten ‚Zahlen‘ menschliche Wesen sind, Menschen, die den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen müssen wie Aussätzige, wenn ihr sie nicht aufnehmt?“

Götz Aly und seine Bücher sind wahrlich keine leichte Kost, die Beschreibungen der europaweiten Gräuel, begangen von ganz normalen Menschen an den Juden, lassen den Leser fast verzweifeln. Aber gerade darum sind sie ein Wissensgrund, auf dem Verstehen entstehen kann. Damit wird uns keine Entscheidung abgenommen, wie wir mit dem aktuellen neidgetriebenen Antisemitismus oder Rassismus umzugehen haben. Auch ist damit nicht gesagt, welche Bücher wir zum Verstehen noch lesen sollten, vielleicht sogar mit Widerwillen, gegen den eigenen Geschmack, um aber Wissen zu vergrößern.

Die Bücher des Preisträgers helfen uns, Handlungen vorzubereiten und Sätze zu formulieren, die frei sind von Klischees wie der Satz der Geschwister Scholl aus dem zweiten Flugblatt: Wie schweigen nicht!

Ihnen verehrtes Publikum danke ich für Ihre Aufmerksamkeit und ihr offenes Ohr.

Und Ihnen sehr geehrter Penmentsch Götz Aly danke ich im Namen aller Gäste für ihre scharfe Feder.

 

© Michael Then, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e.V.

Es gilt das gesprochene Wort.

 

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