Der Geschwister-Scholl-Preis 2026 geht an Ines Geipel. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e. V. und die Landeshauptstadt München verleihen ihr den Preis am 24. November 2026 für ihr Buch „Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung“ (S. Fischer).
Jurybegründung:
„Buchenwald ist ein historischer Ort und ein politischer Erinnerungsraum. In ‚Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung‘ untersucht Ines Geipel, wie sich über die Geschichte des Lagers Deutungen gelegt haben, die bis heute bestimmen, was sichtbar wird, was erinnert werden kann und was aus dem Gedächtnis verschwindet.
Im Zentrum steht das antifaschistische Gründungsnarrativ der DDR. Ines Geipel rekonstruiert, wie widersprüchliche Erfahrungen in eine politisch brauchbare Geschichte überführt wurden, wie sich das Bild des Widerstands verfestigte und wie andere Opfergeschichten und unbequeme Zeugnisse darin ihren Ort verloren. Das Buch gewinnt seine Überzeugungskraft aus der Nähe zum Material. Archive, Dokumente und Biografien öffnen einen Blick auf jene Brüche, die politische Erinnerungserzählungen geschlossen erscheinen lassen.
Dabei bleibt Ines Geipels Untersuchung nicht bei der DDR stehen. Auch westdeutsche und gegenwärtige Formen des Gedenkens geraten dort in den Blick, wo ihre eigenen Voraussetzungen selbstverständlich zu werden drohen. Erinnerung erscheint bei Ines Geipel deshalb nie als gesicherter moralischer Besitz. Sie ist selbst Teil gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Wer sprechen darf, wessen Zeugnis Autorität erhält und welche Erfahrungen in den vertrauten Kategorien von Opfer, Täter und Widerstand keinen Platz finden, gehört zu den Fragen, die dieses Buch offenhält. [...]
Vollständige Jurybegründung